17.– 29. April 2026
Jaber Border Post Jordanien-Syrien – Busra – Isra – Umfahrung Damaskus – Suk Wadi Barada – Maalula – Dair Mar Musa al-Habaschi – Umfahrung Homs – al-Hisn – Latakia – Wadi Qandil – Idlib – Bab al-Hawa Border Post Syrien-Türkei
Wow, was für ein Grenzübergang, gegen Syrien ist Jordanien ein Waisenknabe. Schnell, effizient, supermodern und sehr freundlich. Mit 180 US$ sind wir dabei. (100 für’s Auto und 80 für 2 Visas). Eine SIM Card zu kaufen ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Mit mulmigem Gefühl befahren wir totales Neuland. 14 Jahre Krieg – was wird uns erwarten?
Unser erster Eindruck von Syrien täuscht nicht. Perfekte Strassen, grün und fruchtbar wie im Schweizer Mittelland oder eben Jordaniens Fortsetzung, Ausgebombte Häuser erinnern an die Kriegsjahre, Zeltdörfer des UNHCR sind überall sichtbar.
Wir wollen uns nicht in einer rasanten Fahrt von einer Grenze zur anderen bewegen, denn unsere Reisegspänli hängen im Niemandsland zwischen Syrien und der Türkei fest, da die Grenze eigentlich nur für Syrer und Türken offen ist. Es sind diverse Anstrengungen nötig, die ich teilweise bereits in Amman eingefädelt habe, um die Grenze in die Türkei passieren zu können. Eine türkische Freundin hat uns einen Invitationletter inkl. Bürgschaft geschickt, so wie man es früher brauchte, wenn man in ein visumpflichtiges Land einreisen wollte. Dieser Brief sowie unsere Passkopien liegen dem Gouverneur von Hatay vor, jetzt heisst es auf Antwort warten.
Syrien ist ebenso wie Jordanien ein sehr westlich wirkendes Land, die traditionelle Kleidung inkl. Niqab wird nur auf dem Land getragen, die Syrerinnen sind selbstbewusste Frauen in Jeans und T-Shirts. Wir treffen mehr Frauen, die Englisch sprechen als Männer, das zeugt auch vom Bildungsstand der Frauen.
Syrien ist ein Land mit reicher Vergangenheit. Viele Relikte des Oströmischen Reichs und Kirchen aus der Zeit der Christianisierung sind hier zu finden.
Wir bestaunen das riesige, sehr gut erhaltene Amphitheater von Bosra und sind schlichtweg erschlagen von dessen Ausmassen. Aus schwarzem Basalt gebaut, bietet es 17’000 Zuschauerplätze für die ehemalig 80’000 Einwohner zählende römische Stadt. Das im UNESCO Katalog aufgenommene Theater ist eines der grössten im ganzen römischen Reich.
Die syrische Gastfreundschaft erleben wir bereits am 1. Tag. Wir wollen picknicken und werden gleich abgeschleppt, «kommt zu mir nach Hause», meint Zacharias und wir fahren seinem SUV hinterher. Wie immer sitzen wir am Boden, seine Mama bringt Meze und zusammen mit der ganzen Familie wird das Essen gemeinsam eingenommen. Dabei erfahren wir einiges. Viele Syrer sind während oder bereits vor dem Krieg aus wirtschaftlichen Gründen in die Emirate oder nach Saudi-Arabien emigriert und haben sich dort eine Existenz aufgebaut, mit der sie ihre Familien in Syrien unterstützen. Damit wir sehen, wie Muslime und Christen zusammenleben, fährt Zacharias uns zu Bushra und ihrer Familie. Hier sitzen wir westlich auf dem Sofa, werden mit traditionellem Ostergebäck verwöhnt und bunte Ostereier liegen in einem kleinen Nest. Bushra ist Englischlehrerin und so erfahren wir noch einiges mehr. Die kleinen christlichen Kirchen in Isra gehören beispielsweise zu den ältesten Kirchen der Welt. Schade sind sie abgeschlossen. Wir sind sehr dankbar für die schöne Einführung in Syrien.
Jeder kennt die Geschichte von Kain und Abel, dem ersten Mord der Menschheit. Wir besuchen Abels Grab und stehen dabei ganz dicht an der Grenze zum Libanon. Von allfälligem Kriegsgeschehen hören wir nichts, wir stehen geradewegs in einer Gewitterzelle. Am anderen Morgen bietet sich uns die Gelegenheit unseren ersten Übernachtungsplatz zu inspizieren. Alles liegt zusammengebombt vor unseren Füssen, einzig die kleine Moschee mit der fantastischen Kuppel hat überlebt.
Wir fahren durch ein fruchtbares grünes Tal mit einem rauschenden Bach. Wir trauen unseren Augen nicht. Häuser wie Skelette, das ganze Tal ausgebombt, ein wunderschöner Ort, dessen Picknickplätze und Restaurants von besseren Zeiten erzählen. Aber die Menschen sind zu bewundern. Wo wir keinen Fuss hineinsetzen würden, entstehen kleine Geschäfte, Restaurants, Werkstätten, Blumenhandlungen. Der Aufbau des Landes beginnt. Infrastruktur wie Strom und Wasser ist vorhanden, die Strassen auch hier in einem guten Zustand asphaltiert.
Hier in Syrien wird auch noch die älteste Vergangenheit gelebt. Im christlichen Dorf Maalula wird tatsächlich noch Aramäisch gesprochen, die Sprache von der man annimmt, es sei die Sprache von Jesus. Eltern lehren ihre Kinder diese vom Aussterben bedrohte Sprache, denn in der Schule wird nur Arabisch gesprochen. Die Kirche, welche den Heiligen Sergius und Bacchus geweiht ist (wir denken bei Bacchus eher an den röm. Gott des Weins) ist ebenfalls eine der ältesten der Welt. Die über 750-jährigen Ikonen wurden im Krieg gestohlen um Waffenkäufe zu finanzieren, bis heute sind sie unauffindbar.
Die Christen in Syrien gehören entweder der Griechisch-orthodoxen Kirche von Antiochien oder der Melkitisch griechisch-katholischen Kirche an.
Im Nachbarort steht das Kloster der Heiligen Thekla, wo wundersam Wasser aus dem Fels rinnt. Wir fotografieren vorsichtig, die Menschen sind scheu und tief religiös.
Ein weiteres wunderschönes Kloster, welches von einem italienischen Jesuiten wiederbelebt und in eine Retraite umgewandelt wurde, ist das in die Felsen gebaute Mar Musa al-Habaschi, dessen Kirche auf den Grundmauern eines römischen Wachturmes steht. Ein schöner Spaziergang führt hinauf in das gut geschützte Kloster und endlich können wir Olivenöl kaufen, denn die Patres betreiben biologischen Landbau und unterstützen die Bauern darin.
Beim Krak des Chevaliers, einer riesigen Kreuzritterburg regnet es in Strömen. Das Dorf mit seinen Scherbenhaufen sieht so noch viel trostloser aus als es ist. Ohne eine Führung würde man sich in der riesigen Burg glatt verirren. Wir sind erstaunt, soviel intakte Baukunst zu finden, die nicht nur durch Bomben zerstört wurde, sondern an der der Zahn der Zeit nagt. Kriegsherren nehmen keine Rücksicht auf kulturelle Schätze. Bei der Burg bietet sich ein windgeschützter Nachtplatz und da wir die einzigen Touristen sind die hier im Café sitzen, sind wir bereits bekannt. Wir fühlen uns wohl und sicher. Die Jugend hört laute Musik, was wir ihnen von Herzen gönnen mögen, denn ihnen hat der Krieg die Kindheit genommen.
Syrien am Mittelmeer weist prächtige lange Strände auf, leider hat das Land andere Probleme, als diese vom Abfall zu säubern. So trinken wir unseren Mittagskaffee eher in einer Müllhalde als an einem schönen Strand.
Dafür überzeugt der Nachtplatz mit Aussicht auf Wadi Qandil mit seinen Olivenplantagen umso mehr.
Während unsere Reisegspänli immer noch im Niemandsland zwischen den Grenzen stehen, häufen sich bei uns wieder Randulinas Probleme. Es scheint, sie will in Syrien stehen bleiben, wäre da nicht Afif, der uns (nachdem Stefan mit Anna am Videotelefon allerhand repariert hat) abschleppen würde und einen Mechaniker ruft. Siehe da sie springt wieder an – und wir finden uns bei Kaffee und Kuchen bei Afif, Tochter Majda und Enkelin Rachel auf der Terrasse wieder. Die Nacht verbringen wir am Strand von Wadi Qandil, wo wir von jungen Männern zum Barbecue eingeladen werden. Ein interessanter Abend, haben sie doch viel zu erzählen über ihren Militäreinsatz und über ihre Studien, die sie wieder aufnehmen werden (Elektroingenieur / Medizin) doch zuerst wird gefeiert.
Nach einer Nacht am Strand versuchen wir uns mal an der Grenze von Kassab, aber es ist nichts zu machen, „Turkiye no – only by air“, sagt mir der syrische Grenzbeamte. Also suchen wir uns eine schöne Strecke aus um nach Aleppo zu fahren und dort ein wenig zu bummeln. Daraus wird der Horror, denn mitten in einer Steigung steigt Randulina wieder aus. Shit, kein Netz… aber es dauert nur kurz, da kommt Hilfe und noch mehr Hilfe und wir können uns gar nicht mehr beklagen, die einen organisieren einen Mechaniker, die anderen organisieren einen Abschleppwagen aus Latakia und warten bei uns, bis wir aufgeladen sind. Der Abschlepper bringt uns in Latakias Industriequartier zur Werkstatt von Ahmads Vater, wo uns ein türkischer Mechaniker mit einem Diagnosegerät beisteht und die Reparaturen koordiniert, alle Dieselzufuhren inkl. Tank sind zu reinigen, alle Öle werden geprüft und müssen entweder ersetzt oder aufgefüllt werden. Während dem ganzen Trubel werden wir zu einer Stadtrundfahrt eingeladen. Danke – Shukran Ahmad, Omar, Ahmad, Mohammed (4 von 5 heissen Ahmad!)
Eine frisch gewartete Randulina fährt uns an die Grenze von Syrien, wo wir beim Grenzgebäude campieren dürfen, inkl. kleinem Laden und WC, bis unser Gesuch bei den türkischen Behörden geprüft und wir für einreisewürdig erklärt werden. Es dauert, ein Feiertag am Donnerstag, ein Brückentag am Freitag und dann reguläres Wochenende der Behörden. Mittlerweile haben wir das Schweizer Konsulat in Istanbul eingeschaltet, denn der Gouverneur von Hatay verhandelt nicht mit uns Touristen sondern nur mit Konsulen und Botschaftern. Reisende, die keine diplomatische Hilfe ihrer Konsulate / Botschaften erhalten, haben keine Möglichkeit in die Türkei einzureisen. Auch an dieser Stelle ein herzliches Danke allen involvierten Personen, die einen reibungslosen Grenzübertritt für alle Schweizer ermöglicht haben.
Das Gesuch unserer Gspänli ist mittlerweile geprüft und sie sind in die Türkei eingereist, ein 14-tägiges Ausharren im Niemandsland verbunden mit der Aufgabe der Reisefreiheit hätte für uns nicht gestimmt. Wir warten 7 Nächte am der Grenze in Bab al-Hawa, es gibt uns etwas mehr Bewegungsfreiheit als zwischen den Grenzen. Ja und was tut man so hier? Wir feiern Barbaras Geburtstag, räumen etwas auf und um, pützeln das Auto und uns, spielen Yatzy und hoffen auf eine „Grosse Strasse“ wobei wir mittlerweile auch mit einer „Kleinen Strasse“ zufrieden sind, trinken Unmengen an Kaffee und diskutieren über Gott, Allah und die Welt. Das einzig nervige ist der Presslufthammer, denn Syrien wird neu gebaut. Man mag diesem Land und seinen Menschen mit der grossen Resilienz von Herzen eine bessere Zukunft gönnen.
