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México – Kolonialstädte

San Cristóbal de las Casas – Oaxaca – Puebla – Cholula – Querétaro – San Miguel de Allende – Guanajuato – Morelia

19. September 2017 (heute bebt die Erde in Puebla und Mexico City mit 7.1)

Mexico bietet barocke Kolonialstädte ohne Ende. Schachbrettartige Grundrisse, prunkvolle Kirchen, herrschaftliche Häuser und rund um die Hauptplätze repräsentative Regierungspaläste, Brunnen, schattige Plätzchen, Laubengänge und Zierrat je nach Reichtum der jeweiligen Orte sind allen gemeinsam. Jede Stadt hat ihren eigenen Charme. Das Klima in diesen Städten ist dank der Höhenlage zwischen 1500 und 2200 Metern sehr angenehm, obwohl wir uns immer noch in den Tropen befinden. Ich will mich nicht lange darüber auslassen, Wikipedia bietet alle nötigen Informationen für jene unter euch, die es genauer interessiert. Viel mehr gibt es kleine Geschichten und viele Bilder.

In San Cristóbal muss ich zuerst meine Bauchgrippe auskurieren, ich fühle mich wie ein Waschlappen. Mein Bauch braucht einige Tage Ruhe und ich wahrscheinlich auch. Seit längerem sind wir nirgends mehr länger stehen geblieben. Die Neugier trieb uns immer weiter fort. Der erste grössere Ausflug führt uns nach San Juan Chamula, einer Wallfahrtsstätte der hier heimischen Urbevölkerung. Die Kirche ist klein, der Platz davor riesig. In der Kirche fehlen die Kirchenbänke, dafür duftet es nach den am Boden liegenden Piniennadeln. Hierauf sitzen und knien die Gläubigen mit grossen Picknickkörben und – mit einem Hahn oder einer Henne. Es werden Gebete gemurmelt, das Geflügeltier wird über ein krankes oder unglückliches Familienmitglied geschwenkt und irgendwann wird dem Vogel der Hals umgedreht, alles mit Weihrauch und Posh (Schnaps) besprenkelt und alles wird gut! Ein aberwitziges Schauspiel für uns, eine tief religiöse Zeremonie für die Indigenas.

Die mexikanische Küche besteht aus weit mehr als nur Tacos und Enchiladas. So geniessen wir in Oaxaca (vor dem Erdbeben) die legendäre Mole Poblano in Varianten. Eine pikante Sauce mit mehr als 20 Zutaten inklusive Cacaobohnen zu Poulet… Stefans neues Lieblingsgericht. Da sich in Oaxaca ein toller Platz zum Übernachten befindet, nutzen wir dies aus: Stadtbesichtigung, Reifenrotation und Spureinstellung bei Randulina, Auffüllen unserer Gasvorräte dank Calvins Kreativität, Ruinenbesuch auf Monte Alban und mit anderen Overlandern und den Gastgebern Leanne und Calvin Abendessen und diskutieren. Und das Beste zum Schluss, wir erleben eine mexikanische Maria Himmelfahrt. Die Marienverehrung ist gigantisch, die Feste ihr zu Ehren ebenfalls. Pappmachéfiguren mit Knallkörpern werden tanzend durch die Gassen getragen, eine bunte Kakophonie diverser Musikgesellschaften und gratis Mezcal für ALLE. Auf dem Zócalo wieder Tänze mit Chlöpfzeug, das sich mit unserern Sicherheitsvorschriften nie durchführen liesse. Das Finale besteht aus einem Riesenfeuerwerk auf einem Bambusturm, wie wir es auch schon in Peru gesehen haben. Hauptsache es knallt und am Schluss erscheint uns allen die Heilige Maria.

Gut gesegnet geht die Reise an den Agavenfeldern der Mezcal Orte vorbei, wo wir in den Genuss der handwerklichen Herstellung kommen. Doch Mezcal wird nicht unser Lieblingsgetränk; auch der nicht, in dessen Güte eine eingelegte Agavenraupe, zu Tode besoffen, schwimmt.

Puebla lockt mit seiner typischen blau-weissen Talaverakeramik und wieder einmal können wir nicht widerstehen und tragen schwere Fundstücke nach Hause. Immer wieder spielt die Stadt ihre Reize aus und Stefan muss die Tasche abstellen um die Zuckerbäckerhäuser abzulichten. Flohmärkte überall und ohne Grenzen, nebst Kitsch ein ein wenig Kunst, nebst Antiquitäten ein wenig Vintage. Puebla bietet allen etwas, vorallem samstags läuft das volle Leben. Die saisonale Spezialität ist Chile en Nogada. Eine süss-salzig gefüllte leicht pikante Chili mit einer Baumnussrahmsauce und Granatapfelkernen. Die Geschmacknerven werden gereizt wie bei der Mole, ich hab doch kein Dessert bestellt! Dieses Gericht ist eindeutig mein Favorit der mexikanischen Küche und unvergleichlich, gleichzeitig stellt es die Nationalfarben GRÜN-WEISS-ROT dar.

In Cholula, wo die barocke Kirche auf eine prähispanische Pyramide gebaut ist um die spanische Vormachtstellung zu beweisen und den Widerstand der einheimischen Bevölkerung zu brechen, ist sonntags der Teufel los. Voladeros kreisen in der Luft. Die 4 an Seilen festgebunden Flieger verkörpern die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde und mit 13 Umdrehungen fliegen sie dem Boden zu, begleitet von Pfeifen- und Trommelklängen des fünften Mannes, der die Sonne verkörpert. 4x 13 ergibt die 52 Jahreswochen des zapotekischen Kalenders.

Querétaro punktet mit riesigen Plätzen, die von kunstvoll geschnittenen schattenspendenden Hecken eingerahmt werden und einem Äquadukt, der im 18. Jahrhundert zur Wasserversorgung erstellt wurde und die vielen Stadtbrunnen bewässert.

In San Miguel de Allende fühlen wir uns in die Toskana versetzt, und die Preise bewegen sich im gleichen Segment. Die hier lebenden Kanadier und US-Amerikaner haben San Miguel zu einer lebenden Puppenstube renoviert. Das Klima ist herrlich, nicht zu heiss, nicht zu kalt, das Ambiente kunstvoll künstlich. Am Zócalo sitzend beobachten wir das pulsierende Leben.

Guanajuato, der Kontrapunkt zu San Miguel eine mexikanisch farbige Bergwerksstadt, lotst den Verkehr durch Tunnels, teilweise sind es ehemalige Stollen Wir schlendern in den engen Gassen bergauf und –ab und erleben eine der vielen Prozessionen irgend einer Seilschaft Jesú Christi. In Mexico lässt sich täglich ein Heiliger feiern und durch die Gassen tragen. Es wird getanzt, gelacht, gelebt. Der Ausblick vom Pipila Monument zeigt uns ein buntes Häuserkaleidoskop.

Und als letzte dieser hübschen architektonischen Juwelen vermag uns Morelia zu begeistern dessen breite Prachtsstrassen für den Unabhängigkeitstag beflaggt werden und in denen Studenten einen Sitzstreik durchziehen während die Polizei den Verkehr sorgsam in andere Strassen lenkt. Auch hier füllt ein Äquadukt die Stadtbrunnen und Ismael der Besitzer des Parkplatzes, wo wir nachts schlafen unseren Früchtekorb mit delikaten Avocados und als Start in den Tag bringt er uns das Zmorge praktisch ans Bett. Gelebte Gastfreundschaft!

Alle diese Städte bestehen natürlich nicht nur aus den touristisch interessanten historischen Zentren sondern aus grossen Vor- und Wohnstädten rundherum, die sich wie Krakenarme ausbreiten. Diese Quartiere meiden wir im Normalfall. Aber klar, mechanische Werkstätten befinden dort im Gewusel drin.

 

México – Halbinsel Yucatán und Südméxico

Chetumal – Kohunlich – Tulúm – Playa del Carmen – Cancún – Cuyo – Chichén Itzá – Homún – Celestún – Uxmal – Campeche – Villahermosa – Palenque – Aguas Azul – Cascada Golondrina – Reforma Agria – Tziscao

16. August 2017

Ich bin, während ich diesen Reisebericht schreibe, wahrscheinlich gefühlsmässig genau so weit von der Yucatán Halbinsel weg, wie ihr. In einem Jäckli, mit Socken und langen Hosen. So müsste man auf der Halbinsel nicht herumspazieren. Yucatán , ein Staat im Staatenbund Méxicos oder auch der Name der Halbinsel. Mein Bericht handelt von der Halbinsel. Yucatán, nur schon der Name rinnt wie Öl den Hals hinab. Wir befinden uns schon in Belize auf diesem „Erdteil“. Aber erst in México wird mir das so richtig bewusst. Unser 42ster Grenzübergang, der letzte in Lateinamerika. Unsere Mangos landen im Kühlschrank der Zollbehörde, dafür bekommen wir die Erlaubnis, unser fahrbares Häuschen 10 Jahre hier einzulösen, für uns gibt es 180 Tage Aufenthaltserlaubnis, nicht ganz gratis alles, aber insgesamt unbedeutende Beträge. Das Auto wird schlecht und recht äusserlich desinfiziert und der Entdeckungsreise steht nichts mehr im Weg.

Wir beratschlagen, dass wir nicht alle Trümmerhaufen der Mayas, Azteken, Mixteken und anderen –eken besichtigen werden. Aber, jeder Trümmerhaufen bietet Spannendes. Und Yucatán ist voll mit unwiderstehlicher prähispanischer Kultur. Ausserdem gibt es trotz sengender Hitze und grosser Luftfeuchtigkeit genügend Erfrischungsmöglichkeiten. Bei täglich 40 Grad und mehr und nächtlichem Temperatursturz auf „erfrischende“ 30 Grad nicht verachtenswert. Gerne geniessen wir nach der nächtlichen Garung im eigenen Saft ein kühlendes Bad. Die Cenoten wählen wir aber extrem wählerisch aus. Die mit glasklarem Wasser gefüllten Trichterdolinen, welche den Mayas oft als Kultplatz dienten, sind heute die ganz grosse Touristenattraktion und während den Sommerferien (Touristen aus USA und Europa erstürmen gerade México) überbelebt.

Die Bilderbuchstrände zwischen Tulúm und Cancún sind in Hotelbesitz und für Nicht-Pauschaltouristen praktisch unerreichbar, der Tourismus ist die grösste Geldmaschine. In diversen Vergnügungsparks kann sich verlustieren wer genug vom Hotelstrand an der Costa Maya hat, von Ziplining bis Schwimmen mit Delfinen im Aquarium ist alles im Angebot. Die ganze Küste gleicht einer riesigen Vergnügungsmaschinerie. Mögliche Campingspots sind meist laut und überteuert. Zum Glück gibt es da noch die Biosphären Reservate, wo wir uns zurückziehen können. Einen grossen Vorteil hat diese standardisierte Welt, das Einkaufen in den riesigen Lebensmittelgeschäften macht Spass: internationale Angebote von Gerber Fondue, französischem Brie bis zu argentinischem Wein und alles zu einem sensationellen Preisniveau.

Bei Cancún, am äussersten Zipfel werden wir nach unserer „Happy Hour“, (Stefan mixt perfekte Caipirinhas und serviert sie superfreundlich) und dem Znacht, bei Sternenlicht Zeugen, wie eine Karettschildkröte an Land krabbelt und ihre Eier ablegt. Ein eindrückliches Erlebnis, v.a. wenn man weiss, dass von 1000 gelegten Eiern ein einziges Schildkrötli das Erwachsenenalter erreicht um wieder an demselben Strand Eier abzulegen.

Im Biosphärengebiet Rio Lagartos, nicht mehr an der türkisblauen Karibik sondern am Golf von México gelegen, erwarten uns Flamingos, weitere Schildkröten und wir erwarten das Militär, weil wir in einem Sand-Salz-Schlick-Gemisch steckenbleiben. Das Militär versenkt dabei seinen Hummer und gräbt ihn mit unserer Schaufel wieder aus, während wir deren nichtfunktionierende Seilwinde bestaunen, wir alle stehen dabei im knöchel- bis knietiefen Matsch, doch nachts um 2 Uhr ist auch dieses Spektakel vorbei und das Militär wird wohl des Hummers Seilwinde auf Vordermann bringen müssen.

Apropos Seil erhalten wir in Sotuta de Peón eine schöne Lektion. Weit ab vom Schuss besuchen wir eine alte Seilerei. Hier werden aus Sisalagaven, die eigentlich Henequén heissen, nach alter Manier Seile gedreht. Die Henequén Seile wurden im Hafen von Sisal in die weite Welt verschifft und weil auf den Verpackungskisten „Sisal“ stand und niemand wusste was oder wo Sisal ist, erhielt die Ware den Namen des Verschiffungshafens. Die Geschichte der Agavenseile erinnert uns an die des Kautschuks. Reich wurde damit nur der Plantagenbesitzer, die Arbeiter standen in grösster Abhängigkeit zu ihrem Arbeitgeber. 1950 wurde die Produktion praktisch eingestellt, denn der Weltmarktpreis fiel zusammen, Brasilien produzierte günstiger und die Fasern des „grünen Goldes“ wurden durch Synthetik ersetzt.

Weiter geht die Fahrt über Hunderte von Topes (Schwellen), meine Leinsamen haben sich verselbständigt und ich darf sie abends bei schönster Sonnenuntergangsstimmung zusammenwischen. Als Aufmunterung schlägt Stefan einen Spaziergang durch Celestún vor, meine Stimmung bessert sich aber nicht, denn es gibt kein anständiges Lokal für einen Apéero und die ganze Erinnerung an dieses Kaff sind nach Fischabfällen riechende Abfallkübel. Dafür beginnt es wie aus Kübeln zu giessen, was bei dieser Hitze höchst unangenehm ist.

Freude herrscht dafür in Uxmal. Diese antike Anlage stellt alle bisherigen in den Schatten. Nebst Chichen Itzá gefällt sie uns am Besten. Die opulenten Verzierungen sind bis heute sichtbar. Wasserkanäle und Zisternen, welche bis zu 35‘000l Wasser fassten (Grundwasser war keines vorhanden) stellen eine logistische Meisterleistung für die bis zu 20‘000 Einwohner dar. Abends sitzen wir verzückt im Nonnenviereck, wo eine Licht- und Tonschau das Leben der Mayas widergibt. Nach Anrufung des Wassergottes Chaak spüre ich doch tatsächlich einige Regentropfen.

Nach soviel Kultur ist uns wieder vermehrt nach Natur. Auf dem Weg zu den Blauen Wassern, Agua azul, werden wir einige Male von einem gespannten Seil gestoppt. Indiofrauen versuchen sich etwas vom Touristenkuchen abzuschneiden indem sie für 10 Pesos Bananen verkaufen. Wir zeigen immer wieder den zuerst gekauften Bananenbund und werden ohne weitere Käufe durchgelassen. Dass wir nicht immer das Gleiche kaufen können ist wohl einleuchtend. In Agua azul kämpfen wir uns durch Souvenir- und Fressstände bevor wir zu den pittoresken Wasserfällen gelangen. Das Wasser rinnt fotogen milchig über die Kalkfelsen. Dies dank ausgelöstem Kalziumkarbonat und Magnesium. Am nächsten Morgen gönnen wir uns ein erfrischendes Bad, ganz allein, vor Ankunft aller Touristenbüssli.

Ebenso malerisch finden wir die Cascadas Golondrinas, die Schwalbenwasserfälle. Da gibt es doch tatsächlich am Abend das verblüffende Spektakel der zurückkehrenden Schwalben. Wo liegen deren Nester? Genau! In den Höhlen hinter dem Wasserfallvorhang. Wir sitzen still da und beobachten diese fulminante Leistung der Vögel. Ab und zu verpasst einer den Eingang zwischen den stürzenden Wassermassen und muss einen neuen Landeanflug einlegen. Das laute Gezwitscher übertönt sogar das Tosen des Wassers, über uns sind noch Hunderte, die ihre Rückkehr in der Dämmerung antreten.

Unsere Route entlang der guatemaltekischen Grenze in der Selva lacandona bietet reichlich Abwechslung. Der Regenwald wird aber auch hier immer lichter. Zu Gunsten von Ackerbau, Viehwirtschaft und vorallem Ölpalmen wird die Selva stark abgeholz. Die Strasse leidet unter den mit Ölnüssen schwerbeladenen Lastwagen. Stefan fährt zickzack um alle Löcher und Strassenabbruchkanten. Heil erreichen wir das kleine Dorf Reforma Agraria. Eine kleine Dorfgemeinschaft hat hier ein vor einigen Jahren zugunsten der Hellroten Aras (Guacamayas rojas) ein Naturschutzprojekt gestartet. Die Selva wird geschützt, den Aras werden ihre Lieblingsnahrungsbäume gepflanzt und die riesigen Vögel sagen danke, indem sie zahlreich im Dorf nisten. Wir spazieren mehr als 2 Stunden im Dorf herum und beobachten diese farbenfrohen kreischenden Papageien. Beim Schlummertrunk hangeln sich Klammeraffen über uns hinweg, sie sind auf der Suche nach Avocados und auf der anderen Uferseite des braunen Rio Lacantún schreien sich die Brüllaffen die Seele aus dem Leib. Alles in allem ein fragiles Gleichgewicht. Sind die Bäume weg, sind die Tiere weg…

Den Klimaschock erleben wir auf unserer nächsten Etappe. Während wir immer noch täglich bei 35 Grad schwitzen, fällt das Thermometer jetzt mit jedem steigenden kurvigen Kilometer, bereits gibt es Kaffeeeplantagen. Auf 1400müM ziehen wir den Faserpelz an. Tziscao lebt von seinem kühlen Klima und seinen Seen, wir fühlen uns wie auf einer Alp. Einheimische Touristen fotografieren den Nebel während wir unser Kabhäuschen geniessen. 20 Grad ist perfekt für einen Risottoschmaus.

Ein kurzer Regenspaziergang führt uns an den Lago Internacional. Die Grenze zwischen México und Guatemala verläuft exakt mittig durch den kleinen Tümpel und wird grossartig mit Bojen markiert.

Auch im Parque Nacional Lagunas de Montebello herrscht trübe Stimmung die vielen Lagunen leuchten nicht in ihren schönen Farben.

Nach soviel Natur zieht es uns wieder in eine Stadt. Voller Elan fahren wir der malerischen Kolonialstadt San Cristóbal de las Casas entgegen. Hasta pronto amigos!

 

999 Tage unterwegs – und was jetzt?

13. Juni 2017

Vor 999 Tagen, am 21. September 2014 sind wir in Buenos Aires gelandet, mit zittrigen Knien und einem Herz voller Vorfreude und auch Respekt vor dem, was auf uns zukommt und von dem wir noch völlig ahnungslos sind. Was haben die 999 Tage aus uns gemacht?

Vor zweimal 999 Tagen fassen wir den Entschluss, eine „grosse Reise“ zu machen, wohin steht noch in den Sternen. Die Vorbereitungsphase umfasst einiges – Spanischunterricht für mich, Länder- und Kartenstudium für Stefan. Für uns beide, Verkauf der Wohnung und für mich, die Suche nach etwas Kleinerem für alle Fälle. Die Zeit saust vorbei, eines Tages klopft Stefan mir auf die Schulter, he Frau – Zeit für die Kündigung, du bist 55. Uff, ein schwieriger Schritt, raus aus dem gemachten Nest, raus aus der Komfortzone, wo alles wie am Schnürchen läuft. Halte ich das durch, hält er das durch, halten wir das dauernde Zusammensein und die grosse Nähe im kleinen Auto so lange aus? Wie ist das für unsere Familien, Eltern, Kinder, Freunde?

Auf die Frage meiner diversen Spanischlehrer, welches die Motivation sei, eine neue Fremdsprache zu lernen, antworte ich wahrheitsgemäss, dass wir vorhätten irgendwann 3 Jahre Lateinamerika zu bereisen. Jeder korrigierte mich: No tres años, pero tres meses o tres semanas. Seguro, tres años con nuestro Land Rover. Unvorstellbar nicht nur für mich sondern auch für andere!

Wir gehen nicht, weil es uns daheim nicht gefällt, Probleme kommen mit. Wir gehen, weil es uns daheim gefällt aber weil wir noch etwas hinter den Horizont sehen wollen. Auswandern ist nicht das Ziel! Ganz klar, wir wollen wieder nach Hause, wir wollen ein Projekt durchziehen und wenn es fertig ist, ein Neues starten. Die Welt verbessern ist auch nicht das Ziel, wir sind Gäste, sehen, staunen, machen uns unsere Meinung.

Ja, der ganze Aufwand hat sich gelohnt. Noch sind wir nicht in Mexico, schon gar nicht in Alaska wie ursprünglich geplant. Pläne kann man ändern, von Vorgaben kann man abweichen, das ist das Salz in der Suppe.

Der grosse Schritt ins Ungewisse ist uns gelungen, wir schätzen unsere Flexibilität und Spontanität und freuen uns nach über 36 Jahren Gemeinsamkeit immer noch so viel Nähe zu ertragen, an einem Strand in entgegengesetzte Richtungen zu spazieren um uns bei einem Apéro wieder in die Arme zu fallen.

Wir können es aushalten: Immer wieder die glunkte. Das muss nicht negativ sein, unsere Langzeitreiserei gibt uns den Vorteil, auswählen zu können, das kann ein Kurzzeitreisender nicht. Er will Höhepunkte, wir auch, aber etwas anders gelagert. Manchmal sind für uns an touristischen Höhepunkten ganz andere Dinge interessant. Es braucht Zeit, zuzulassen, dass bei einer Mayaruine nicht die Hauptpyramide den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt, sondern die alles überwuchernde Natur, die sich einen Deut drum schert, wie archäologisch wertvoll die Stätte eigentlich ist.

Und was vermissen wir? Natürlich unsere Kinder, die sich daheim so herzlich um alles kümmern, was während unserer Abwesenheit anfällt; die mit grosser Liebe unseren zwei Müttern die Reiseberichte vorlesen und sich rührend um sie kümmern. Und unsere vielen Freunde, dazu gehören auch viele neue Freundschaften, die wir während unserer Reise machen durften. Mit den Meisten stehen wir in virtuellem Kontakt, aber ein gemeinsames Glas Wein ist immer noch das Schönste.

Und unsere Fitness? Wir üben täglich, wir spulen ein grosses Fitnessprogramm ab. Wir sind topfit in Geduld. „Manãna, mañana“, stresst uns schon lange nicht mehr. Die Arbeitsmentalität- und das Zeitempfinden sind völlig anders, hat man daheim ein Problem geht man nicht zur Arbeit, das Geschäft bleibt geschlossen, die Arbeit bleibt unerledigt obwohl sie uns versprochen ist. Soviel Geduld kann ein Kurzzeitreisender nicht aufbringen, die Ferien sind zu schnell vorbei. Ich bin für eine Briefmarke schon 45 Minuten angestanden, ohne zu lesen, ohne in ein Handy zu gucken – in einer Schlange mit anderen geduldig Wartenden. Wir haben 1 Woche auf neue Bremsbeläge gewartet (glücklicherweise in einem Weinbaugebiet in Argentinien in netter Begleitung). Das Schwierigste für mich: das l.a.n.g.s.a.m.e Internet. Da bin ich noch immer ungeduldig und kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Das Schwierigste für Stefan alle Schwellen, Lomos, Lombadas, Tumulos, Drempel, Löcher im Asphalt im richtigen Moment zu sehen, zu bremsen, zu umfahren und sich nicht über das nichtgesehene Objekt zu ärgern.

Doch in zweimal 99 Tagen wird auch diese Ungeduld ein Ende haben und die Nerven werden dem Glasfaserkabel und den sauber asphaltierten Strassen (vielen Dank, Guido!) dankbar sein. Alaska muss warten auf ein andermal, wir haben es bereits vor 30 Jahren bereist, der Verzicht hält sich also in Grenzen. Nach der Rundreise in Mexico wird unsere Randulina nach Hamburg verschifft… das Internet war zumindest einmal schnell genug um diesbezüglich Informationen einzuholen. Wir werden ganz gemütlich heimtuckern und unterwegs bei einigen Reisefreunden in deren Gärten übernachten und bei einem Glas Wein von vergangenen Zeiten schwärmen und über neue Traumländer diskutieren, die nur auf schlaglochübersäten, wellblechartigen Pisten erreichbar sind, wo fliessendes Wasser Luxus ist und schnelles Internet ein Wunschgedanke, wo Pferdestärken Karren vorwärtsbringen, wo das Abenteuer lockt und der Sternenhimmel endlos ist.

 

Ältere Berichte findet ihr im Archiv: Reiseberichte 2014, 2015, 2016 und 2017

 

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