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999 Tage unterwegs – und was jetzt?

13. Juni 2017

Vor 999 Tagen, am 21. September 2014 sind wir in Buenos Aires gelandet, mit zittrigen Knien und einem Herz voller Vorfreude und auch Respekt vor dem, was auf uns zukommt und von dem wir noch völlig ahnungslos sind. Was haben die 999 Tage aus uns gemacht?

Vor zweimal 999 Tagen fassen wir den Entschluss, eine „grosse Reise“ zu machen, wohin steht noch in den Sternen. Die Vorbereitungsphase umfasst einiges – Spanischunterricht für mich, Länder- und Kartenstudium für Stefan. Für uns beide, Verkauf der Wohnung und für mich, die Suche nach etwas Kleinerem für alle Fälle. Die Zeit saust vorbei, eines Tages klopft Stefan mir auf die Schulter, he Frau – Zeit für die Kündigung, du bist 55. Uff, ein schwieriger Schritt, raus aus dem gemachten Nest, raus aus der Komfortzone, wo alles wie am Schnürchen läuft. Halte ich das durch, hält er das durch, halten wir das dauernde Zusammensein und die grosse Nähe im kleinen Auto so lange aus? Wie ist das für unsere Familien, Eltern, Kinder, Freunde?

Auf die Frage meiner diversen Spanischlehrer, welches die Motivation sei, eine neue Fremdsprache zu lernen, antworte ich wahrheitsgemäss, dass wir vorhätten irgendwann 3 Jahre Lateinamerika zu bereisen. Jeder korrigierte mich: No tres años, pero tres meses o tres semanas. Seguro, tres años con nuestro Land Rover. Unvorstellbar nicht nur für mich sondern auch für andere!

Wir gehen nicht, weil es uns daheim nicht gefällt, Probleme kommen mit. Wir gehen, weil es uns daheim gefällt aber weil wir noch etwas hinter den Horizont sehen wollen. Auswandern ist nicht das Ziel! Ganz klar, wir wollen wieder nach Hause, wir wollen ein Projekt durchziehen und wenn es fertig ist, ein Neues starten. Die Welt verbessern ist auch nicht das Ziel, wir sind Gäste, sehen, staunen, machen uns unsere Meinung.

Ja, der ganze Aufwand hat sich gelohnt. Noch sind wir nicht in Mexico, schon gar nicht in Alaska wie ursprünglich geplant. Pläne kann man ändern, von Vorgaben kann man abweichen, das ist das Salz in der Suppe.

Der grosse Schritt ins Ungewisse ist uns gelungen, wir schätzen unsere Flexibilität und Spontanität und freuen uns nach über 36 Jahren Gemeinsamkeit immer noch so viel Nähe zu ertragen, an einem Strand in entgegengesetzte Richtungen zu spazieren um uns bei einem Apéro wieder in die Arme zu fallen.

Wir können es aushalten: Immer wieder die gleichen T-Shirts, die gleichen Hosen. Wochenlang kein duftendes Bettzeug, tagelang keine Dusche, kein Bach um hineinzusitzen, und uns zum Wassersparen mit einigen Feuchttüchern ein wenig abstauben. Ja wir können es noch – auf den Luxus verzichten und uns freuen, wenn’s Bettzeug aus der Wäsche kommt, wenn’s auf dem WC Papier hat und aus der Leitung wenigstens so viel Wasser kommt, dass der Schaum runtergeht. Wir können noch Hitze und Kälte ertragen.

Es gibt auch Dinge, die wir nicht mehr können müssen – in einer Stadt in einem billigen Hostal übernachten nur weil es ein Treffpunkt mit anderen Reisenden sein könnte, auf einem Supermarktparkplatz oder einer Tankstelle schlafen weil es gratis ist, das ist uns zu lärmig und wir fühlen uns zu ausgestellt. In einem überfüllten Bus oder Boot einen Touristenausflug machen oder gar eine „Geheimtipp-Wanderung-von Lonely Planet“ zu einem 15m hohen Wasserfall. Die Welt ist entdeckt, unentdeckte Wasserfälle und Naturvölker mag es noch geben, aber die stehen nirgends als „Geheimtipp“. Druckerschwärze plus Millionenauflagen gleich Touristenhöhepunkte. Das muss nicht negativ sein, unsere Langzeitreiserei gibt uns den Vorteil, auswählen zu können, das kann ein Kurzzeitreisender nicht. Er will Höhepunkte, wir auch, aber etwas anders gelagert. Manchmal sind für uns an touristischen Höhepunkten ganz andere Dinge interessant. Es braucht Zeit, zuzulassen, dass bei einer Mayaruine nicht die Hauptpyramide den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt, sondern die alles überwuchernde Natur, die sich einen Deut drum schert, wie archäologisch wertvoll die Stätte eigentlich ist.

Und was vermissen wir? Natürlich unsere Kinder, die sich daheim so herzlich um alles kümmern, was während unserer Abwesenheit anfällt; die mit grosser Liebe unseren zwei Müttern die Reiseberichte vorlesen und sich rührend um sie kümmern. Und unsere vielen Freunde, dazu gehören auch viele neue Freundschaften, die wir während unserer Reise machen durften. Mit den Meisten stehen wir in virtuellem Kontakt, aber ein gemeinsames Glas Wein ist immer noch das Schönste.

Und unsere Fitness? Wir üben täglich, wir spulen ein grosses Fitnessprogramm ab. Wir sind topfit in Geduld. „Manãna, mañana“, stresst uns schon lange nicht mehr. Die Arbeitsmentalität- und das Zeitempfinden sind völlig anders, hat man daheim ein Problem geht man nicht zur Arbeit, das Geschäft bleibt geschlossen, die Arbeit bleibt unerledigt obwohl sie uns versprochen ist. Soviel Geduld kann ein Kurzzeitreisender nicht aufbringen, die Ferien sind zu schnell vorbei. Ich bin für eine Briefmarke schon 45 Minuten angestanden, ohne zu lesen, ohne in ein Handy zu gucken – in einer Schlange mit anderen geduldig Wartenden. Wir haben 1 Woche auf neue Bremsbeläge gewartet (glücklicherweise in einem Weinbaugebiet in Argentinien in netter Begleitung). Das Schwierigste für mich: das l.a.n.g.s.a.m.e Internet. Da bin ich noch immer ungeduldig und kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Das Schwierigste für Stefan alle Schwellen, Lomos, Lombadas, Tumulos, Drempel, Löcher im Asphalt im richtigen Moment zu sehen, zu bremsen, zu umfahren und sich nicht über das nichtgesehene Objekt zu ärgern.

Doch in zweimal 99 Tagen wird auch diese Ungeduld ein Ende haben und die Nerven werden dem Glasfaserkabel und den sauber asphaltierten Strassen (vielen Dank, Guido!) dankbar sein. Alaska muss warten auf ein andermal, wir haben es bereits vor 30 Jahren bereist, der Verzicht hält sich also in Grenzen. Nach der Rundreise in Mexico wird unsere Randulina nach Hamburg verschifft… das Internet war zumindest einmal schnell genug um diesbezüglich Informationen einzuholen. Wir werden ganz gemütlich heimtuckern und unterwegs bei einigen Reisefreunden in deren Gärten übernachten und bei einem Glas Wein von vergangenen Zeiten schwärmen und über neue Traumländer diskutieren, die nur auf schlaglochübersäten, wellblechartigen Pisten erreichbar sind, wo fliessendes Wasser Luxus ist und schnelles Internet ein Wunschgedanke, wo Pferdestärken Karren vorwärtsbringen, wo das Abenteuer lockt und der Sternenhimmel endlos ist.

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