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Suriname – Land mit holländenischen Vorfahren

Nieuw Nickerie – Paramaribo – Brownsberg Nature Park – Atjoni – Groningen – Albina

30. November 2015

Suriname, Paramaribo, Namen die auf der Zunge vergehen wie Schokolade, süsse Träume wecken und nach Kaffee riechen. Namen, die auch an ferne Länder erinnern, an Sklaverei. Eine holländische Vergangenheit, die sich immer noch in der Amtssprache zeigt: Niederländisch. Die Sklaverei zeigt sich in der Bevölkerungszusammensetzung: 37% sind afrikanischer Herkunft, Menschen, die aus dem relativ nahen Afrika als Arbeitskräfte eingeführt wurden. Davon sind etwas über 22% Maroons, Nachkommen jener schwarzen Sklaven, die vor 1863, also vor der Abschaffung der Sklaverei in die surinamesischen Regenwälder geflüchtet sind. Gegen 16% sind ehemalige schwarzafrikanische Sklaven, Kreolen, die nach 1863 noch 10 Jahre als bezahlte Kontraktarbeiter auf den Plantagen gearbeitet haben, sich mit anderen Bevölkerungsgruppen gemischt haben und meist in der Hauptstadt Paramaribo leben. Etwa 27% sind indischer, 13% javanischer Abstammung und nur gerade 7% sind Europäer, Chinesen oder anderer Abstammung. So bunt wie dieses Völkergemisch ist, so bunt sind die Sprachen, der Kulturmix und die religiöse Vielfalt. 550‘000 Einwohner leben auf einer Fläche, die 4x grösser ist als die Schweiz, da herrscht kein Dichtestress, oder doch? Fast alle Einwohner leben am schmalen Küstenstreifen, der Rest ist Regenwald.

Am 1. Juli 1863 wird die Sklaverei abgeschafft, 35‘000 ehemaligen Sklaven erhalten einen Namen und jeder Haushalt einen Nachnamen Das erklärt, weshalb die Fussballnationalmannschaft Hollands so viele schwarze Spieler mit holländischen Nachnamen hat. Nach 1873 werden Vertragsarbeiter für die Plantagen aus Britisch Indien, China und Indonesien, damals Niederländisch-Indien ins Land geholt. Gearbeitet wurde auf Zuckerrohr-, Kaffee-, Baumwoll- sowie Kakaoplantagen. Heute besteht noch eine einzige Kaffeeplantage, das Zuckerrohr und die Melasse für die Rumdestillation wird eingeführt und der Kakaoanbau wird auch eher hobbymässig betrieben.

Am 25. November 1975 wurde Suriname unabhängig, wir erlebten in Paramaribo den 40. Jahrestag, der mit Paraden und vielen Imbissbuden gefeiert wurde. Allerdings sehr südamerikanisch und ohne fixes Programm, was unsere Geduld etwas strapazierte und wir der Hitze wegen wieder auf unseren Campingplatz zurückkehrten und auf den Srefidensi verzichten.

Auf unserem perfekten Standplatz im Domburg Harbor Resort, einem Treffpunkt aller Weltumsegler, fanden wir alles was das Herz begehrt: spannende Menschen und interessante Gesprächsthemen beim Nachtessen, saubere sanitäre Anlagen, Swimmingpool und Waschmaschine.

Wie in Holland bewegen sich viele Menschen mit dem Velo fort, so auch wir. Wir entdeckten die alte Zuckerplantage und ehemalige Rumdistillerie Marienburg, heute nur noch eine Industriebrache mit marodem Charme. Ganz schön war die Führung durch die Kaffeeplantage Kattwijk. Doch leider fehlen hier Arbeitskräfte um eine volle Produktion aufrechtzuerhalten. 4 Arbeiter hegen, pflegen und ernten ca. 5 Tonnen Kaffee pro Jahr. Die Arbeit in den Plantagen ist hart, spezielle Stiefel gegen hochgiftige Schlangen, Millionen von Moskitos, tropische Hitze und Feuchtigkeit, da reisst sich niemand drum. Wir kaufen 1kg Kaffee und sind erstaunt wie gut er schmeckt. Das Geheimnis liegt nicht nur bei den Bohnensorten Arabica und Robusta sondern vorallem im Röstprozess.

Weil wir nur zu Zweit sind, bekommen wir eine aussergewöhnliche Führung mit vielen Kindheitserinnerungen des Managers. Die Zeit vergeht wie im Flug und kurz bevor wir wieder zu unserem Auto kommen, werden wir von einem tropischen Gewitterregen überrascht und abgeduscht. Herrlich.

Auf dem Heimweg noch schnell im Supermarkt vorbei-hier wären chinesische Sprachkenntnisse von Vorteil. Es gibt eine tolle Auswahl an holländischen Produkten, aber die Supermärkte werden alle von Chinesen geführt, die teilweise weder Holländisch noch Englisch sprechen und obwohl wir in Südamerika sind, geht auch mit Spanisch gar nichts. Dafür muss ich die fehlenden 30 Cents nicht bezahlen, die Kassierin hat ein spezielles Portemonnaie für solche Fälle. Ein andermal werde ich auf meine paar Cents Rückgeld verzichten, so geht es immer wieder auf. Nur eines geht in Surinam nicht, mit Kreditkarte bezahlen! Da gilt: Nur Bares ist Wahres.

Ein Bummel durch Paramaribo am Sonntagmorgen ist sehr interessant, nicht nur wegen der wunderschönen Kolonialhäusern, den Kirchen, Moscheen und Hindutempeln sondern wegen des Vogelsingwettbewerbs auf dem Onafhankelijkheidsplein (zu Deutsch: Unabhängigkeitsplatz). Gefühlsmässig besitzt jeder surinamesische Mann einen oder mehrere Vogelkäfige mit Piepmätzen, die er täglich ausführt. Statt mit dem Hund geht man in Surinam mit dem Vogelkäftig spazieren oder Velo- oder Töfffahren. Man trainiert den Vogel. Die Ausfahrt soll ihn zum Pfeifen stimulieren. Das Training ist hart für Vogel und Mann und voller Stolz wird der Käfig samt Inhalt am Sonntagmorgen auf dem obengenannten Platz präsentiert. Ein männlicher Vogel im Käfig beträllert ein Weibchen im Käfig und umgekehrt, ein Schiedsgericht misst das Gezwitscher, der Bessere schaffts eine Runde weiter. Ein interessanter Zeitvertreib. Zum Zmittag geniessen wir indische Roti mit scharfer Curryfüllung.

Die Segler aus Innsbruck, der Schweiz und Deutschland segeln weiter nach Trinidad Tobago und wir tuckern in den Brokopondo Nationalpark, wo die Wasserfälle kleine Rinnsale sind, die Brüllaffen heftig in den Bäumen turnen, die Giftschlangen gegen Abend auf Jagd gehen und wir eine sensationelle Aussicht auf den riesigen Stausee haben. Nachts frischt es auf 450müM stark auf, was uns ein angenehmes Schlafen beschert.

Ein lustiges Abenteuer ist die Flussfahrt auf dem Surinam River. Von Atjoni aus, wo wir uns mehr in Afrika als in Südamerika fühlen, fahren Pirogen den Fluss hinauf. Wir fragen uns durch welches Boot denn wann zur Menimi Lodge abfährt. Bald werden wir fündig und verbringen den Rest des Nachmittages mit warten, denn das Boot geht erst um 16 Uhr. Die Boote werden mit Fracht beladen, in den Dörfern gibt es nur beschränkte Einkaufsmöglichkeiten, nebst Alltäglichem wird auch eine Matratze auf unser Schiff geladen. Rechts und links Regenwald, Dörfer der Saramacca, eben den Maroons, (entlaufenen Sklaven) ziehen vorbei. Frauen sind am Kleiderwaschen, Mädchen spülen das Geschirr, Buben baden, Männer fischen, das Leben spielt sich am und im Fluss ab. Bei der ersten von drei Stromschnellen müssen wir aussteigen, die Fracht bleibt auf dem Boot, die Matratze ist feucht, wir steigen wieder ein, die nächste Stromschnelle kommt, wir wieder raus und zu Fuss weiter, die Matratze ist nass, bei der dritten Stromschnelle tropft die Matratze. Immer wieder wird Fracht gelöscht, der Mann am Ruder beherrscht seinen Motor und das Boot auch im Dunkeln und bringt uns sicher ins Paradies. Da sind wir nun so weit im Dschungel und unser „Hotelier“ meint ganz salopp zu unserem Erstaunen, wir sollen unbedingt vom schnellen wifi und dem Internet profitieren. Im grossen LED Flachbildfernseher kommt eine Reklame für ein Geschirrspülmittel in einer Designerküche. Was war das was wir am Fluss gesehen haben? Der Zusammenprall von verschiedenen Welten könnte nicht grösser sein. Bei der Rückfahrt dürfen wir über die Stromschnellen im Boot bleiben und hoffen, dass der Spass nicht im Wasser endet, kalt ist es nicht, tief auch nicht, aber es wäre schade um unsere elektronischen Spielzeuge und die Fotoapparate.

Zurück in Atjoni holen wir unser Auto ab, ein Mädchen, nicht älter als 14 und hochschwanger hat für wenig Geld darauf aufgepasst. Das Mädchen ist kein Einzelfall, überall laufen grosse Aufklärungskampagnen über AIDS.

Wir fahren nach Groningen und verbringen unser letztes Wochenende mit Karin-Marijke und Coen, die ihren Landcruiser vor dem Verschiffen nach Asien hier auf Vordermann bringen. Für uns geht’s nicht so weit. Nur mit der Fähre über den Maroni Fluss nach Französisch Guyane.

Guyana – Britisches Erbe

Boa Vista – Bomfin – Lethem – Georgetown

17. November 2015

Wir fahren links (eine irrwitzige Brücke leitet den Verkehr von rechts nach links um) und sprechen Englisch, es gibt Supermärkte und Restaurants sind in indischer Hand. Hindutempel, Moscheen und christliche Kirchen wechseln sich ab. Häuser wie in Bollywood Filmen, dann wieder schönste Holzhäuser aus der Kolonialzeit. Wo sind wir bloss. Richtig, in Guyana, dem einzigen englischsprachigen Land in Südamerika, einer ehemalig holländischen, später britischen Kolonie. Die Savanne erinnert an Afrika und der Regenwald deckt 75% des Landes ab. Guyana (Fläche 214‘970 km2) grenzt im Westen an Venezuela, im Süden an Brasilien und im Osten an Surinam. Nur mit den letzten beiden gibt es Grenzübergänge. Im Norden befindet sich die Atlantikküste, die aber wegen der beiden Riesenflüsse Essequibo und Demerara keine weissen Strände generiert. Das Sedimentgeschiebe welches die Flüsse mitbringen bildet eine lehmig, schmierige Schicht, das Wasser ist braun und ladet nicht zum Bade. Die meisten Küstenabschnitte sind wegen der Mangroven unzugänglich, da wo keine Mangroven mehr wachsen, sind Deiche und Dämme wie in Holland aufgeschüttet, Guyana liegt 2m unter dem Meeresspiegel. In Küstennähe ist ein dichtes Entwässerungsnetz aufgebaut worden, dort befindet sich auch der fruchtbare Landwirtschaftsgürtel mit den Exportschlagern Zuckerrohr, Reis, Kokosnüsse und Zitrusfrüchte. Das Land verfügt aber auch über reichhaltige Bodenschätze wie Öl, Bauxit, Gold und Diamanten.

Das Landesinnere ist bis auf einige kleine Amerindiodörfer nahezu unbewohnt, die 735‘000 Einwohner leben praktisch alle an der Küste.

1834 schaffte Guyana die Sklaverei ab, die Schwarzen wurden frei und verliessen die Plantagen; vier Jahre später wurden Vertragsarbeiter aus Britisch-Indien als Arbeitskräfte hergeholt. So entstand ein buntes Völkergemisch. Die weisse Bevölkerung macht nicht mal 1% aus.

Wir sind von Brasilien her an einem Samstagmorgen in Lethem eingereist. Zuerst gilt es ein Gesundheitsformular auszufüllen, die Gelbfieberimpfung wird kontrolliert und dann werden wir an der Immigration richtiggehend in die Zange genommen, was wir denn in Guyana wollten, da gäbe es nichts, wohin wir denn wollten, da wohnen nur Amerindios (Guyanas indigene Bevölkerung), wir müssten eine Bewilligung haben um diese Dörfer zu besichtigen. Am Schluss kriegen wir eine Aufenthaltsgenehmigung für 30 Tage. Na, geht doch! Da am Wochenende alles geschlossen ist, müssen wir am Montag zum Zoll zurück und unsere Autoversicherung vorweisen, dann erst gibt’s den Stempel für unsere Randulina. Wir wissen im Voraus, dass es schwierig ist ein Auto einzuführen, andere Reisende haben 3 Tage für’s Auto bekommen, mit der Möglichkeit, diese Aufenthaltsdauer im 600km entfernten Georgetown zu verlängern. So begeben wir uns schnurstracks zum kleinen Flugfeld, wo Shirley einen Souvenirladen betreibt. Sie ist eine Institution, kennt das Land wie ihre Handtasche und hat Verbindungen zu den höchsten Regierungskreisen. Sie empfiehlt uns, das Wochenende nicht in Lethem zu verbringen. So fahren wir also in ein Amerindio Dorf, wo die indigene Bevölkerung eine Ökolodge betreibt. Eine Bewilligung brauchten wir keine, man meldet sich beim Gemeindepräsidenten und bezahlt eine Art Kurtaxe. Fast alle Amerindio Dörfer haben neben der Jagd und dem Fischfang ein drittes Tourismus Standbein aufgezogen. Es gibt Dschungel Führungen, Vogelbeobachtungen, Dorfspaziergänge und eben diese im typischen Indiostil erbauten Hotels. Yupukari liegt mitten in der Rupununi Savanne, wo es eigenartige Termitenthügel im Christbaumstil hat. Im „Caiman House“ werden Mohrenkaimane, zu Forschungszwecken eingefangen, vermessen und mit GPS-Trackern versehen. Mohrenkaimane können bis zu 8m lang werden und sind somit die grössten Kaimane weltweit. An meinem Geburtstag halte ich einen zweijährigen Babykaiman im Arm, leider zu klein für den teuren Tracker, der Kleine könnte von gierigen Ottern noch am Schwanz angeknabbert oder schlimmstenfalls ganz aufgefressen werden und der ganze Aufwand wäre umsonst gewesen. Grosse Fledermäuse fischen sich derweil Fische aus dem nachtschwarzen Wasser während sich die Moskitos an uns gütlich tun. Eine Baum-Boa jagt im Geäst nach Vögeln. Sie sondert einen übel riechenden Duft und Schleim ab, als unser Führer sie geschickt vom Baum nimmt, ich bin froh, als er sie wieder zurücksetzt.

Eine Bootsfahrt im Einbaum auf dem See am frühen Morgen ist meditativ. Im Blattgewirr der bis zu 3m grossen Victoria Amazonica, einer Art Riesenseerose, dem Gezwitscher der Vögel zu lauschen, dem still daliegenden Kaiman in die Augen zu schauen, die pfeilschnellen Eisvögel zu beobachten, ist sehr speziell. Ab und zu kreuzt uns ein anderer Einbaum, Kinder sind geschickt im Fischen, in den Untiefen waschen Frauen Wäsche. Der Kaiman lässt sich derweil nicht stören, die Frauen auch nicht. (Wie lieb ich meine Waschmaschine daheim!).

Wir spazieren mit unserem Führer durch Yupukari. Es gibt eine grosse schöne Schule, ein kleines medizinisches Zentrum und eine Kirche; die traditionell mit Palmzweigen gedeckten Hütten sind schön luftig. Ein Palmdach muss alle 3 Jahre frisch gedeckt werden werden, das ist kostspielig und mit viel Aufwand verbunden deshalb sind mittlerweile viele mit Wellblech gedeckt. Die Dorfbewohner leben in Einheit mit der Natur, bauen Früchte und Gemüse vor allem Maniok an. Aus Maniok werden Cassavabrot, Cassavabier sowie Farinha oder Farofa hergestellt. Das „Paniermehl“ Farofa fehlt bei keinem Essen. Eine mühselige Arbeit, denn die Maniokwurzel muss zuerst gewässert und gewaschen werden um die Blausäure auszuschwemmen; anschliessend wird die Wurzeknolle gerieben und ausgepresst bevor sie weiterverarbeitet werden kann.

Am Montagmorgen verabschieden wir uns und fahren zurück nach Lethem. Auch wir bekommen nur 3 Tage für unser Auto. Das verheisst Stress. Die Strasse durch die Savanne und den Regenwald nach Georgetown am Meer ist die wohl schlimmste Piste, die wir je gefahren sind. Bei Regen absolut unfahrbar. Durch die Savanne Wellblech vom Gröbsten, es schüttelt und holpert und stiebt. Durch den Regenwald metertiefe Löcher und feinster Sand. Landschaftlich wunderschön, kurz vor Ende der Savanne gibt es Hügel, wir dürfen die Nacht bei Colin Edwards auf der Annai Rock View Lodge verbringen. Zusammen mit Amerindios hat er hier ein kleines Paradies geschaffen. Wir versuchen aus den 3 Tagen so viel herauszuholen wie möglich, er wie Shirley nehmen die 3 Aufenthaltstage zum Anlass, beim Tourismusdepartement zu intervenieren. In 3 Tagen ist es unmöglich, das Rupununigebiet und den Regenwald ausgiebig zu entdecken. Und genau hier liegen die Reize Guyanas. Wir hoffen für die nächste Reisegeneration, dass sich die Einfuhrbestimmungen ändern.

Im Iwokrama Rainforest, einem riesigen Regenwaldnationalpark legen wir einen weiteren Stopp ein und spazieren mit einem jungen Amerindio durch und auf dem Canopy-Weg, einem Weg mit Seilen und Hängebrücken, über den Wald. Fantastisch auf über 30m Höhe die verschiedenen Stufen des Waldes zu betrachten. Die Bevölkerung ist stolz auf ihr Wissen, welches von Generation zu Generation weitergegeben wird und der junge Bursche erklärt uns geduldig die verschiedenen Bäume. In bester Erinnerung wird mir der allergiftigste Baum bleiben, mit dessen Saft die Speerspitzen für die Jagd eingerieben werden. Absolut tödlich. Sogar der Rauch des verbrannten Holzes ist giftig und eignet sich nicht für das Räuchern von Fischen, die typischerweise mit Pfeil und Bogen erlegt werden. Die Einstichstelle muss grosszügig weggeschnitten werden um Vergiftungen vorzubeugen.

Anderntags kreuzen wir den Essequibo River mit der Pontonfähre. Etwas später treffen wir auf Guadelupe und Alejandro, die seit 13 Jahren mit dem Motorrad unterwegs sind. Würden wir den Abzweiger nach Mahdia nehmen, kämen wir zu den Goldgräberminen, dafür reicht die Zeit nicht. Der Verkehr nimmt etwas zu. Wir übernachten in einem Holzfällerdorf, 58 Miles. Die schweren Laster tun der Strasse auch nichts Gutes. In der Regenzeit sind sie mit Schneeketten unterwegs und wühlen sich durch den Matsch. Dem ehemaligen Viehtreck bekommt das nur schlecht. Wir müssen hier unseren hinteren Stossdämpfer wieder montieren, durch das ewige Gerüttel ist seine Verankerung geborsten und muss geschweisst werden.

Ab Linden ist die Strasse asphaltiert, welche Erholung. Aber Asphalt bedeutet auch mehr Verkehr. Bis Georgetown ist Dorf an Dorf gebaut. Die Autos fahren mit horrender Geschwindigkeit und bei jedem Überholmanöver wird kräftig gehupt. Eselkarren, tausende Roller, Velos, Schafe, Ziegen, Pferde, alles was sich bewegen kann, bewegt sich auf der Strasse. Es ist höchste Konzentration erforderlich.

Das Amt in Georgetown, welches uns die Aufenthaltsbewilligung für unser Auto erteilen kann, ist schnell gefunden, aber Einlass kriegen wir erst, als wir uns in Jäckli und lange Hosen stürzen, Dresscode ist angesagt. Nach etwa 2 Stunden Wartezeit dürfen wir beim zuständigen Beamten vorsprechen und wieder gibt’s ein Interview. Irgendwann platzt mir der Kragen, ich werde etwas laut und sage, wir seien Professoren für Agronomie und Biologie und wären hier um die Viehzucht (die weltweite grösste Viehranch liegt in Guyana) sowie die Resultate der Caiman und Schildkrötenforschung näher kennenzulernen. Na dann macht er grosse Augen und wir bekommen den Stempel für 30 Tage. Huch geht doch. Es dauert dann nochmals 1 Stunde, bis wir die Bescheinigung schriftlich in den Händen halten.

Anderntags gehen wir in Georgetown auf Entdeckungstour, schöne koloniale Holzgebäude, weisse und rosa Lotusblüten blühen in den vielen Kanälen, kleine Cafes und indische Roti Shops riechen verlockend. Die Mangos auf dem Markt sind klein und zuckersüss und wir entdecken Früchte, von denen wir gar nicht wussten, dass es sie gibt.

Auf dem Spaziergang dem Deich entlang spricht uns eine junge Dame an und meint, sie hätte uns gestern schon gesehen. Wir hätten ihr Interesse geweckt und sie würde uns gern in ihr Haus einladen. So sassen wir dann wenig später mit ihrer Familie am Frühstückstisch am Plaudern und genossen Gastfreundschaft pur in einem dieser wunderschönen kolonialen Holzhäuser. Dass ihr Vater ein ehemaliges Mitglied der Regierung war, entdecken wir auf einer Gedenktafel bei der Verabschiedung. Drei ihrer Geschwister leben im Ausland (USA und Grossbritannien), was typisch ist für Guyana. Man sagt, Es leben mehr Guyaner im Ausland als daheim und reinvestieren in ihr Land.

Ein weiteres Highlight ist der Flug zum Kaieteur Wasserfall. Die Welt von oben zu bestaunen ist reizvoll, Goldminen, durch den Dschungel schlängelnde Flüsse und dann diese geballte Kraft des Wassers, das 226m in die Tiefe stürzt. Wir schlendern zu 3 Aussichtspunkten und bestaunen den Fall aus verschiedenen Perspektiven, entdecken den winzigen Goldfrosch, der sein ganzes Leben in einer Riesenbromelie verbringt. Nachmittags fliegen wir vom Regenwald in die Savanne und nehmen ein Bad im Becken des Orinduik Wasserfalles.

Zurück auf unserem Stellplatz im Ausstellungsgelände von Georgetown erwarten uns Karin und Coen. Wir verbringen mit den beiden sympathischen Holländern, die seit 2003 mit ihrem Landcruiser (landcruisingadventure.com) unterwegs sind einen weiteren netten Abend. Rum Tasting macht zu Viert mehr Spass als zu Zweit.

Und nein, wir sind nicht mehr zurück in die Rupununi Savanne gefahren, die Strasse ist einfach nicht danach, trotz der sehenswerten Natur.

Venezuela – ein anderes Südamerika

Boa Vista – Santa Elena de Uiarén – El Dorado und retour

28. Oktober 2015

Venezuela – Traum- und Alptraumland in einem. Es war das einzige Land, das wir nicht auf unserer Reiseliste hatten. Attribute wie Korruption, Armut, Verbrecherhochburg, Schmuggel und die weltweit höchste Mordrate lasten diesem Land an. Andererseits gibt es einzigartige Natur, mystische Landschaften mit Tafelbergen und die höchsten Wasserfälle der Erde. Dazu die schönsten Frauen, manche Venezolanerin war schon Miss Universe.

Mehrere Male sind wir auf Reisende gestossen, die uns von Venezuela vorgeschwärmt hatten, Sabine und Olaf sowie Pamela und Andi sei Dank, dass wir uns auch hierher gewagt haben. Wir haben es nicht bereut. Weit sind wir nicht gekommen, aber das was wir gesehen haben, war mehr als interessant. Allein die Gran Sabana – die grosse Savanne ist eine Reise wert.

Am 13. Oktober 2015 sind wir mit gemischten Gefühlen in Venezuela eingereist. Der brasilianische Zöllner fragte uns noch, ob wir das wirklich wollen, ja und schwupps sind wir ausgestempelt. Venezuela empfängt uns mit einem monumentalen Zollgebäude und einer riesigen Autoschlange. Noch wissen wir nicht warum, aber das wird sich bald ändern. Für die Einreise benötigen wir alle Ausweise in Original und Kopie und dasselbe von der Versicherung. Kein Problem, haben wir alles. Nein, vom Fahrausweis und der Versicherung nicht, also wieder zurück, ich habe auf der brasilianischen Seite so ein rotes „Xerox“ Bretterhüttchen gesehen, der Brasilianer macht uns fast gratis die gewünschten Kopien, ich werde aber halb wahnsinnig denn uns läuft die Zeit davon (Der Zoll schliesst um 16h30, und es ist 16 Uhr.) und der Typ hat seinen Kopierjob nicht im Griff, statt die Vorderseiten kopiert er die Hinterseiten und den Bostich verklemmt’s auch noch. Ich erkläre ihm seinen Apparat und er macht grosse Augen.

An der venezolanischen Immigration geht’s ruckzuck, wir werden eingestemmpelt, ohne Kopien. Dann zur Aduana wegen dem Auto. Wir haben grad noch 10 Minuten, der Zöllner liest alles haargenau mit unserer Versicherung durch und diskutiert wegen unserer Versicherung mit seinem Chef. UNGÜLTIG! Wir müssen also mit dem Auto erlaubterweise „schwarz und unversichert“ einreisen, um in Santa Elena de Uairén eine Haftpflichtversicherung abzuschliessen und dann mit den Dokumenten zurückkehren. Falls wir keine Versicherung haben, kann das an den vielen Strassenkontrollen zu Ärger führen, den wollen wir hier tunlichst vermeiden.

In Santa Elena, etwa 20km vom Zoll entfernt, hat die Versicherung natürlich schon zu. Geld haben wir auch keines, also nichts wie hin und US Dollar tauschen, die man eigentlich gar nicht einführen darf, die aber jeder Tourist mitbringt. Auf dem Schwarzmarkt gibt’s zur Zeit 100x mehr als auf der Bank. Wir staunen Bauklötze, als wir für 100 US Dollar einen 20cm Stapel Venezolanische Bolívares bekommen. Wegen Falschgeld muss man keine Angst haben, das Papier ist teurer als der aufgedruckte Geldwert. Nachzählen muss man auch nicht, die Mühe lohnt sich nicht. Die Kreditkarten werden weggepackt, das Portemonnaie ist definitiv zu klein, aha, drum haben hier alle ein Bauchtäschlein umgeschnallt. Kaum aus dem schummrigen Büro raus, werden wir angerempelt. Fängt gut an, die wissen sicher, dass wir viel Geld haben. Nein, der Kerl will nur wissen, ob wir die Besitzer des tollen Land Rovers seien, er hätte drum auch einen und sein Freund mit der Posada „L’Auberge“ sei ein Franzose und hätte auch einen. Keine Frage wo wir parkieren und ein Zimmer beziehen. Wir nehmen gleich das teuerste Zimmer, man gönnt sich ja sonst nix, zum Preis von umgerechnet 17 Schweizer Franken. Abends gehen wir essen, das beste Lomito (Filet) Südamerikas liegt auf unserem Teller, das Abendessen kostet uns inklusive Caipirinha 12 Franken. Selber kochen ist definitiv aufwändiger und teurer.

Anderntags machen wir uns auf die Suche nach einem Touranbieter für den Tafelberg Roraima. Diesen Tepuy zu besteigen lockt uns. Wir werden schnell fündig, Claude unser Wirt arbeitet mit backpacker-tours.com zusammen und die bieten ein tolles 6 Tages Trekking mit Führer und Trägern an. Es ist nicht erlaubt, ohne Führung einen Tepuy zu besteigen.

Wir packen unsere Rucksäcke mit Ersatzwäsche, Schlafmatte und Schlafsack sowie Getränk. Zelte, Verpflegung und sogar ein Toilettenzelt wird vom Touranbieter geliefert und von unseren Trägern mitgenommen. Unser sympathische Führer Roger ist ein Pemón Indio und der erste Indigene der die Zulassung als Touristenführer erhalten hat und schon seit 24 Jahren Touristen auf den Roraima führt. Er erzählt und erklärt uns vieles aus seiner Kinder- und Jugendzeit und aus der Kultur der Pemón. Das macht diese Tour so einzigartig. Da er aus dem Grenzgebiet zum ehemals britischen Guyana stammt, spricht er fliessend Englisch, obwohl er nie eine Schule besucht hat. Seine beiden Söhne Roger Junior und Martin sind unsere Begleiter als Träger. Zusammen mit Claudia und Carsten aus Chile und zwei Girls aus Brasilien werden wir die nächsten Tage unterwegs sein.

Die Besteigung erfolgt in 3 Etappen, von denen die ersten beiden wenig anstrengend sind, es geht gemächlich hügelauf und -ab über die heisse Gran Sabana, am zweiten Tag werden zwei Flüsse durchquert, wo wir von Puri-Puri, kleinsten Beissfliegen, in die Waden gebissen werden. Rot gepunktet und verbissen geht’s weiter zum BaseCamp am Fuss der 500m hohen Roraima Wand. Wir werden von Roger jun. und Martin kulinarisch verwöhnt und bevor wir die Steilstufe mit der Rampe auf den Gipfel nehmen, zaubern die beiden ein typisches venezolanisches Frühstück mit Arepas (Fladenbrot aus Maismehl mit Käse gefüllt). 800 Höhenmeter und 4km heisst es heute zu bezwingen, was wir in 4 Stunden schaffen. Es geht steil, manchmal auf allen Vieren, bergauf durch Dschungel und der Wand entlang an der über 1000 jährige Farnbäume wachsen. Eine schräge „Rampe“, der einzige Weg auf den Tepuy Roraima, führt auf den Gipfel. Wir haben Wetterglück, schon der dritte Sonnentag, obwohl der Gipfel im Normalfall eingenebelt und Regen alltäglich ist. Deshalb auch der dichte Dschungel, der Nebelwald. Kurz nach 11 Uhr haben wir es geschafft. Jetzt sind wir gespannt auf dieses riesige 60km2 grosse Gipfelfeld. Unsere Zelte stehen gut geschützt unter einem Felsvorsprung. Nach dem Zmittag geht es auf Entdeckungstour. Man könnte sich ohne Führer glatt verirren. Wir wackeln über natürliche Steinbrücken, sehen verwitterte Fantasiefiguren, Kristallbänder ziehen sich durch das Gestein, schliesslich sind diese Tepuys uralt. Es sind die Überreste des alten Gondwana Kontinentes, als Afrika und der ganze amerikanische Kontinent einen riesigen Superkontinent bildeten. Der ehemals rosa Sandstein ist mit schwarzen Flechten überzogen, wir gehen über rosa Sandflächen, 1,800 Millionnen Jahre alt. Wir staunen über fleischfressende Pflanzen und schwarze Frösche. Alles ist endemisch, hat sich nie mit anderem vermischt. Anderntags grandiose Aussicht. Wieder ein Wetterglück, das es laut Roger nur einmal jährlich gibt. Wir blicken über den dichten Dschungel nach Guyana, sehen die Steilwand des Nachbartepuy Kukenan und dessen Wasserfälle, das Morgenbad nehmen wir in den sogenannten Jacuzzis, kleinen Pools, die wegen der enthaltenen Bergkristallen glitzern. Am Nachmittag überblicken wir vom höchsten Punkt (2793müM) unseren Anmarschweg und die Gran Sabana und warten unter einem Felsunterstand einen leichten Regenschauer ab. Eine Nebelschlange windet sich auf uns zu. Abends dann ein Gewitter. Doch zum Abstieg am Morgen scheint die Sonne. Mit Muskelkater in den Beinen kommen wir nach 6 Wandertagen wieder in Paraitepuy an, wo uns ein Jeep nach Santa Elena zurückbringt.

In Santa Elena lassen wir unsere Wäsche waschen, hier zu günstigeren Konditionen als in Brasilien und bezahlen wieder mit Zentimeter hohen Notenbündeln. Bei einem Bummel durchs staubige Dorf staunen wir über die Vielfalt von Artikeln, die niemand braucht und über deren Preise, sowie über die einseitig aufgefüllten Lebensmittelregale. Man kauft was es hat und richtet den Menuplan danach. Lebensmittel sind teuer, der Mindestlohn liegt bei etwa 7000 Bolívares, etwa 14 CHF. Man verdient sich einen Zustupf, indem man seinen Tank mit Gratisbenzin füllt, ja richtig gelesen Benzin ist gratis, und dieses v.a. in der Grenzregion ins Ausland verkauft, deshalb diese Warteschlangen. Auch wir brauchen mal Diesel. Wir versuchen es im Dorf „Kilometer 88“, die Schlange ist lang und drum geh ich zu den Militärs und frage, ob sie nebst Benzin auch Diesel hätten und wir volltanken könnten, sicher meinen die, aber „nur“ 60 Liter. Als ich zahlen will, winken alle ab und wir staunen.

Ein grösseres Schmuggelnest ist El Dorado. In der Minenstadt wo Gold und Diamanten gefördert werden geht es aber nicht nur um Benzin, sondern auch um Lebensmittel für die Mineure in jenem Zipfel von Britisch Guyana, welcher nur von Venezuela aus per Boot erreichbar ist.

Wir verbringen ein Wochenende in El Dorado und werden von Bruno, einem Schweizerisch-venezolanischen Doppelbürger und Ausbildner in der hiesigen Armee in die Gepflogenheiten der rauhen Region eingeführt. Bruno ist hier eine graue Eminenz, die jeder kennt. Und wirklich, als wir am Sonntag zur Tankstelle fahren, und die diensthabenden Militärs Bruno sehen, werden unsere Tanks superfreundlich mit Gratisdiesel betankt. Mit Ramon haben wir Früchte und Joghurt eingekauft, für uns spottbillig, für Venezolaner Luxusprodukte. Vielen Dank Bruno und Ramon, ihr habt uns prächtig unterhalten und uns viel über dieses spannende Land mitgegeben.

Da die Grenze zwischen Venezuela und Kolumbien vorderhand geschlossen ist, fahren wir wieder zurück in die Gran Sabana Region. Diese gefällt uns auch besser als das tropische Dschungelgebiet. Bei prächtigstem Wetter gucken wir Wasserfall um Wasserfall. Alle mit tosenden Wassermassen aber den unterschiedlichsten Formen, einige auf ruppigen 4x4 Pisten erreichbar, andere bequem mit dem Boot. Alle Wasserfälle befinden sich wie auch die Tepuys im Nationalpark Canaima, wo es auch landschaftlich reizvolle Campingplätze hat. Für ruhige Nächte ist hier gesorgt, es rauscht nur das Wassser, Schmugglerboote gibt’s hier keine. 

Amazonas

Porto Velho – Manaus – Boa Vista

15. Oktober 2015

Wir müssen mit unserer Randulina bereits um 12 Uhr auf den Kahn fahren obwohl wir erst anderntags um 18 Uhr lostuckern werden. Das heisst für uns, eine Nacht im Hafen auf dem Schiff zu verbringen. Es ist uns bald klar weshalb. Die „Vieira lll“ bleibt nur kurze Zeit an der Verladerampe liegen. Nachdem Stefan das Auto auf’s Deck parkierte, wird abgelegt und das Schiff am Pier festgemacht. Dann gibt’s Action! Ein Lastwagen mit grünen Bananen wird abgeladen, alles von Hand, ohne Förderband, dann ein Lastwagen voller Maiskörner, Bohnen, Soja, ein weiterer mit Zucker. Die schweissttriefenden Dockarbeiter mit ihren gestählten Körpern tragen jeweils 90kg Säcke vom Lastwagen ins Schiff, welches immer schwerer wird und bald tief im Wasser liegt. So geht das bis anderntags am Abend. Passagiere kommen und hängen ihre Hängematten im Mitteldeck auf. Ein Gewusel wie im Bienenhaus.

Derweil richten wir uns auf dem Frachtdeck gemütlich ein. Meine Hängematte ist auch auf dem Mitteldeck aufgehängt, das ist lustig bis die Zahl der Passagiere zunimmt, aber ich mich wie eine Sardine in der Dose fühle, der Motorenlärm ist dort oben auch sehr laut, unten beim Auto isoliert die Fracht den Lärm und wir haben eine prima Aussicht und Wind.

Glücklicherweise haben wir unsere eigenen Vorräte mit dabei und müssen uns nicht unbedingt ans Buffet stellen, schwarze Bohnen, Spaghetti, Reis und Huhn ist das Mittags- und gleichzeitig das Abendmenu für die nächsten 3 Tage. Die Abwechslung besteht darin, die Schüsseln in wechselnder Reihenfolge hinzustellen, so heisst das Menu anderntags Huhn, Spaghetti, schwarze Bohnen und Reis.

Der Pegelstand des Rio Madeira mit seinem weiss-beigem Wasser ist niedrig. Gut für die vielen Goldbaggerschiffe, die wir kreuzen, kauzige Gesellen leben auf diesen und waschen Gold aus dem Sand. Ein Motorschiff kommt uns legt an unserem Schiff an, Frachtgut wird umgeladen, ein Fischerboot hängt sich an, die Männer wollen ihre Fische verkaufen, nein, zuwenig Fisch für soviele Passagiere, es gibt weiterhin Poulet. Zwei grosse Tanker sind auf eine Sandbank aufgelaufen und werden abgepumpt. Es ist immer etwas zu sehen. Statt mit dem Schulbus werden die Kinder mit dem Schulschiff abgeholt und zur Schule gebracht. Der Fluss ist die Lebensader im Amazonas. Die Wälder sind zwar in Ufernähe abgeholzt und wir sind erstaunt, wieviele kleine Dörfer es gibt, Kühe weiden, Bananen- und Papayaplantagen sind sichtbar. Hin und wieder fliegen Papageien davon und wir werden immer wieder von Schmetterlingen besucht. Kleine Flussdelfine springen elegant aus dem Wasser, hin und wieder sehen wir auch die rosa Botos – rosarote Flussdelfine.

Man sieht gut, wie der Pegelstand sich bei Hochwasser verändert. Dann stehen die Uferbäume meterhoch im Wasser und die Menschen können direkt vom Haus ins Boot einsteigen. Wir riechen aber auch Rauch, der Amazonas brennt, wir erfahren später, dass es allein um Manaus herum über 6000 Brandherde gibt. Es ist ein „El Niño Jahr“, das beschert Mittel- und Nordbrasilien Hitze, in Südbrasilien sind ganze Landstriche unter Wasser. Wir haben uns gut an die Hitze gewöhnt, weil wir dachten, das sei normal. Die Brasilianer stöhnen. Doch dann schaut es aus, als gäb’s ein Gewitter, schnell alles festzurren, der Sturm naht, die Matrosen sichern die Fracht ebenfalls nochmals ab und ein heftiges Gewitter fegt über uns hinweg. Die Wellen schlagen auf unser Deck. Wir höckeln gemütlich im Auto und geniessen einen Pisco. Bald ist der Spuk vorbei und wir treffen uns mit Anne-Sophie und Rémi, zwei junge Franzosen zum Kaffee. Es geht einfach nichts über unsere Kaffeemaschine – das Bialetti Krüglein ist immer mit dabei.

Am letzten Tag wiederum etwas Abwechslung. Nachts sind wir in den Amazonas eingefahren. Der Fluss ist so breit, dass wir das andere Ufer kaum sehen können, die Uferlandschaft hat sich geändert, farbige Stein- und Sandbänke erwarten uns. Und dann kommt das spezielle Naturphänomen: „Encontro das Aguas“ das Zusammentreffen des Rio Negro (schwarzes Wasser) mit dem Rio Solimões (weisses Wasser). Unglaublich, über mehrere Kilometer vermischen sich die beiden Wasserarten nicht und fliessen quasi nebeneinander her. Das hat mit der Zusammensetzung der beiden Flüsse zu tun, der Erste ist sauer, warm und quasi ohne Sedimente, der Zweite bringt viel Sediment aus den Anden mit und ist auch viel kälter. Da wo Schwarzwasserflüsse fliessen hat es auch praktisch keine Moskitos, denn das saure Wasser tötet die Moskitolarven ab.

Und schwupps sind wir in Manaus. Für uns fährt der Kapitän extra an die Rampe. Mit Anne-Sophie und Rémi gibt’s noch ein Bier aus Ermangelung an was anderem und die Wege trennen sich wieder. Wir fahren sofort aus der Millionenstadt raus. Vom Dschungel ist nicht mehr viel übrig – eher Grossstadtdschungel.

In Novo Airão, einem kleinen Dorf am Rio Negro ist es uns wohler. Wir beziehen auf der Posada „Bella Vista“ ein hübsches Zimmer und geniessen vor dem Zimmer unseren Lesenachmittag zusammen mit einer kleinen Vogelspinne. Später fahren wir wieder einmal Boot. Die Landschaft wirkt hier intakt, der Wald ist dicht und unser Führer bringt uns zu wunderschönen Stellen im Anavilhanes Nationalpark.

Anderntags statten wir den eigenartigen rosa Flussdelfinen einen Besuch ab. Fast blind, das Wasser ist auch zu dunkel um etwas zu sehen, haben sie ein ausgeprägtes Sonarsystem zur Orientierung. Eine private Institution kümmert sich in Zusammenarbeit mit dem Nationalpark um die Erforschung und den Schutz dieser Tiere. Abends mixt uns Frank einen Caipirinha, wir könnten uns daran gewöhnen. Wir setzen uns mit Alison zusammen, die uns ihre brasilianischen Geheimtipps offenbart. Schnell zeichnen wir alles auf der Karte ein um ja nichts zu vergessen, der Alkohol zeigt nämlich Wirkung.

Anderntags lernen wir Pamela und Andi aus Chile kennen, die uns wie Sabine und Olaf von Venezuela vorschwärmen. Uns surrt der Kopf, das muss alles zuerst verdaut werden.

Jetzt sind wir bereit für den Grossstadtdschungel Manaus – wir kommen. Schliesslich möchten wir uns dort einen weiteren grossen Traum erfüllen. Eine Oper oder zumindest ein Konzert im berühmtesten Opernhaus der Welt mitten im Dschungel. Es klappt alles wie am Schnürchen, unsere Randulina ist schnell und sicher in einem bewachten Parkplatz abgestellt, wir kriegen mitten im Kuchen neben dem Opernhaus ein Zimmer und es gibt sogar Konzerte, gratis. Davon wollen wir profitieren. Und so hören wir dann „Finlandia“ von Sibelius im Dschungel sowie Bossa Nova Jazz. Manaus erlebte seinen Höhepunkt um die Jahrhundertwende mit dem Kautschukboom. Im Bundesstaat Acre wurde zwar mehr Kautschuk produziert, aber die Vermarktung lief über Manaus. Die Kautschukbarone bauten sich hier ihre schmucken Stadtvillen, von denen einige renoviert sind, andere baufällig vor sich hin gammeln.

Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen des damaligen Reichtums und fahren wieder einmal Boot. Eine interessante Flussfahrt mit einem „Flussbus“. Wir besichtigen das Kautschukmuseum Seringal, wo ein kleiner Kautschukbaron lebte. Die Führerin erklärte uns anekdotenreich die tragische Geschichte der Menschen, die hier arbeiteten, die zarten Liebesgeschichten, die sich zwischen dem Verwalter und der Dame des Hauses abspielten. Wir hätten stundenlang zuhören können, zumal sie aus eigenem Erfahrungsschatz berichtete, denn ihre Vorfahren arbeiteten auf dieser Kautschukplantage. Es gäbe noch viele Galerien und Museen, aber irgendwann ist Schluss. Nur noch in die Markthalle, die den Les Halles von Paris nachempfunden ist. Hier erstehen wir einen Tukan aus Holz, der wird der neue Freund unserer Randulina. Dann verlassen wir Manaus, fahren am Fussballstadion vorbei und denken an die Schweizer Fussballnati die hier an der WM spielte. Heute wird nicht gespielt, aber es muss schon wieder renoviert werden....

Wiedersehen macht Freude

Vom Pantanal Norte nach Porto Velho

28. September 2015

In Aquidauana bleiben wir hängen. Wir müssen mal wieder Gas auffüllen, eine Flasche ist leer und die andere so gut wie. Gas auffüllen ist immer so eine Sache. Mittlerweile besitzen wir diverse Adapter aber natürlich funktioniert keiner für Brasilien. Nach einigem hin und her stehen wir in einer Schlosserei, die uns ein neues Gewinde in den argentinischen Adapter schneiden sollen, den wir ja nicht mehr brauchen. Das sei keine grosse Sache, wir sollen in vier Stunden wiederkommen. Diese Zeit vertrödeln wir im regnerischen Aquidauana, wo nicht viel los ist. Die freundlichen Damen der Touristeninformation helfen uns, eine schöne Bleibe im Nordpantanal zu finden, wo wir unsere einjährige Reise feiern wollen. Leider ohne Erfolg, in der Hochsaison ist alles ausgebucht und einfach campieren ist in den Luxuslodges nicht erlaubt. Unser Gewinde ist natürlich nicht fertig und wir werden auf den Samstagmorgen vertröstet. Wir verbringen die Nacht auf Anraten unserer brasilianischen Velofreunde auf einem Fischercamping in Piraputanga. Es giesst in Strömen, der sonst glasklare Fluss ist eine braune Brühe, es ist kalt, wir sind gezwungen, die Heizung anzumachen, wir haben grad noch knapp 10 Grad. Anderntags ist das Gewinde aber fertig und wir beschliessen, trotzdem Richtung dieser schönen Lodges zu fahren, auf eigene Faust, irgendwo wird es schon einen Stellplatz in der freien Natur geben. Die Strassen sind nicht so schlecht, wie man uns am Telefon gesagt hat. Nur, als es durch eine tiefgründige, grüne Wiese geht, und das Wasser über unserer Motorhaube zusammenschlägt, die Oellampe auch noch aufleuchtet, beschliessen wir umzukehren. So viel Action muss heute nicht sein und da alles so durchnässt ist, wäre es auch zum Übernachten ungemütlich geworden. Also wieder zurück nach Aquidauana und auf der Asphaltstrasse Richtung Nordpantanal. Die Sonne scheint wieder, wir übernachten auf tollen Fischercampingplätzen und geniessen zum Znacht frische Fischknusperli. Einmal werden sie uns gleich ins Auto geliefert. Brasilianischer Service – Muchissima Obrigada (vielen Dank)! Ein andermal wollen sie uns Fische schenken, ich musste ablehnen, die Fische haben so viele Gräte, dass man sie nur fritiert essen kann. Filetieren ist unmöglich, da ist nachher nichts mehr am Fisch. Also wird für uns ein Sashimi zubereitet und der nächste Gang besteht dann aus den obligaten Fischknusperli. Nichts ölig oder fettig, wirklich fein, da bin ich heikel. Nach meiner Magenschleimhautentzündung in Bolivien sowieso.

Bis wir die Transpantaneira, die Strasse durch den Nordpantanal erreichen, fahren wir hunderte Kilometer Asphaltstrasse. Heiss und heisser wird es, die Landschaft ist hügelig, mal abwechselnd Getreidefelder, Mais, Soja oder Viehwirtschaft. Am Strassenrand hängen die grossen Plakattafeln internationaler Chemiekonzerne für Spritz- und Düngemittel. Es sind die gleichen, die man auch in Europa kennt. Eine Straussenfarm bietet willkommene Abwechslung. Eingeklemmt zwischen 9-achsigen Lastwagen mit einer Länge zwischen 25,5 und 30m Länge geht die Fahrt weiter.

Endlich sind wir in Poconé, dem Tor zum nördlichen Tierparadies. Einkaufen, vor allem einen neuen Trinkwasserbidon und dann los. Das obligate Foto unter dem Eingangstor „Transpantaneira“. Wieder Kaimane, tausende Vögel, unser erster Sumpfhirsch, Echsen, wir kommen gar nicht aus dem Staunen heraus. Auf der Fazenda Vitória finden wir eine tolle Campingunterkunft. Jean-Louis empfängt uns herzlich. Sein Vater war Schweizer, er ist in Brasilien aufgewachsen und Verwalter des schönen Ortes. Hopp in den Swimmingpool. Das wifi ist ebenfalls super schnell. So können wir mal abchecken, wo unsere Reisebekannten sind. Von Reinhard und Ingrid haben wir in Sucre erfahren, dass die Einsiedler Michael und Pirmin, die wir in Argentinien und Chile trafen, etwa unsere Route fahren. Auf ihrer Website haben sie einen GPS Tracker und so können wir beobachten wo sie gerade fahren. Huch, die sind ganz in der Nähe und anderntags stehe ich früh an der Strasse. Die Wiedersehensfreude ist gross, vor allem weil auch noch Nathalie und Flavio, mit denen wir schon Filet in Argentinien gebrätelt haben, dabei sind. Schnell sind wir alle am Tratschen und Erfahrungen austauschen, der Nachmittag vergeht wie im Flug. Wir alle haben unser erstes Reisejahr mit vielen schönen Erlebnissen zu feiern. Gemeinsam unternehmen wir eine Bootstour, Otter und Jaguare locken, doch das Boot scheint Probleme mit den Wasserpflanzen zu haben und verheddert sich mehrmals. Aus dem Bootstrip wird ein eher peinlich amüsanter Bootstrip, bei dem wir die Mannschaft anfeuern, die mitten im Fluss das Boot wieder fit machen muss. Unsereiner hätte sich wohl nicht in diesen Fluss reingetraut. Aber die Kaimane wären ja nicht aggressiv, meint unser Führer. Ein Coati, so etwas wie ein Waschbär und ein Pudu, ein ganz kleiner Hirsch sind uns dann aber doch noch über den Weg getrippelt.

Unsere Wege trennen sich anderntags, wir fahren Richtung Porto Jofre, die anderen kamen mit der Fähre dort an und fahren Richtung Poconé. Wir werden uns wohl eher nicht mehr treffen. Die Reiserouten sind zu verschieden.

Kurz vor Porto Jofre windet sich eine kleinere Anakonda über die Strasse. Statt auf den Campingplatz fahren wir zum Hotel Pantanal Norte und dürfen dort kostenlos einige Tage stehen und ebenfalls wie auf der Estancia Vitória sämtliche Hoteleinrichtungen benützen. Wir nutzen das Angebot bei dieser Wärme gern und buchen für den Samstag eine Bootstour. Morgens um halb sieben geht es James Bond mässig mit einem 115PS Boot auf dem Rio Paraná zur Tierschau. Nebst den allgegenwärtigen Kaimanen ist es uns gegönnt, 5 Jaguare und eine Riesenotterfamilie zu beobachten. Nie mehr werden wir das Knurren der Jaguare vergessen, nie mehr die putzigen Riesenotter, die trotz aller Verspieltheit ein rasiermesserscharfes Gebiss haben. Unser zweites Jahr beginnt aufregend und überglücklich über so viel aussergewöhnliche Tierbegegnungen fahren wir zurück zu Jean-Louis. Als wir dann dort auch noch einen kleinen Ameisenbären beobachten können, sind wir hin und weg. Nun geht’s definitiv weiter Richtung Amazonas.

Die Savannenlandschaft wird baumreicher, wir sind im Staate Rondônia, dem jüngsten Staat Brasiliens, erst in den 1920er Jahren erschlossen, wird immer noch Urwald abgeholzt um Land zu gewinnen. Mehr als einmal müssen wir mit Licht fahren, weil der Rauch der abgefackelten Wälder so dick ist wie Nebel. Auch hier wächst Mais und Soja. Ab und zu wirbt eine Werbetafel an einer Fazenda, für Kälber-Embrionen und Transfer. Es mutet komisch an, Zeburinder unter Palmen grasen zu sehen, wenn sie dann noch braune dicke Kälber säugen, bei denen ein Blinder sieht, dass die Jungen nicht von dieser Mutter stammen können, haut’s einem fast vom Autositz. Wir fahren am grössten weltgrössten Fleischverarbeitungskonzern JBS vorbei, der für die meisten Tiere bedeutet, tiefgefroren ebenfalls eine Weltreise anzutreten.

Kurz vor Cacaulândia muss die Aufhängung unseres Stossdämpfers neu geschweisst werden. Eine Reparaturwerkstätte am Strassenrand erledigt das für 50 Reales, ca. 12 CHF. Wahrscheinlich hält diese Schweissarbeit ewig. Die Strassen sind zwar asphaltiert, doch mit freier Fahrt ist da nichts zu machen. Um die Geschwindigkeit der Lastwagen zu drosseln sind alle paar Kilometer hohe Schwellen eingebaut, (wehe dem der sie nicht sieht), oder Radarkästen aufgestellt. In Dorfnähe sowie in der Nähe von Schulen sind die Schikanen ausserordentlich dicht. Die Autos leiden vor allem unter den Schwellen.

Cacaulândia, ein Wort, das mir auf der Zunge zergeht. Wir übernachten auf der Ecoposada Rancho Grande, wo wir wiederum die Hoteleinrichtungen nutzen dürfen und mit einem Pfau Bocchia spielen. Anderntags unternehmen wir mit dem Verwalter einen Urwaldspaziergang. Hier geht es aber nicht um Tiere sondern um die vielfältige Pflanzenwelt. Wir erfahren, dass heute praktisch kein Kakao mehr angebaut wird, Handarbeit ist in Brasilien teurer als in Kolumbien und Venezuela und vor allem teurer als in Afrika. Der angebaute Kakao war von minderer Qualität und nach einem Preiszerfall lohnte sich der Aufwand nicht mehr. Auf abgeholzten Urwaldflächen wird jetzt Teakholz FSC angebaut. Wir diskutieren mehr als einmal über Nachhaltigkeit. Giuseppe öffnet für uns mit seiner Machete eine Paranuss, die eigentlich Nuez do Brasil heisst. In einer grossen hartschaligen Nuss sind 15 bis 20 Paranüsse wie Apfelkerne eingebettet. Aber ohne Machete könnte man neben einer Paranuss verhungern, die einzelne Nuss steckt nochmals in einer hartschaligen Ummantelung. Wir lutschen an der bitteren Rinde des Chininbaumes, die in Wasser eingelegt von den Indios bei Malaria angewendet wird. Uns schmeckt die englische Art besser – Gin Tonic. (In einem guten Tonic ist Chinin der Bitterstoff, prost Rahel).

Blaue Riesenschmetterlinge segeln uns um die Ohren. Rondônia ist das Gebiet mit dem weltweit höchsten Artenreichtum an Sommervögeln. Jeden Abend funkeln auch die Glühfalter um die Wette. Tagsüber sind sie hässliche Falter, ihre Eier legen sie in eine kleine Palmfrucht, wo sich die Larven entwicklen, die von den Indios als proteinhaltige Delikatesse verspeist werden. Auf der Ranch gibt’s zum Znacht Fleisch vom Brahma Rind – und zum Zmorge gibt es Eier – so lieben wir die Proteine eher. Dann ist da noch die Würgfeige, die andere Pflanzen umschlingen muss, damit sie selber einen Stamm bilden kann. Aber genug Botanik für heute.

Heute sind wir in Porto Velho angelangt, dem Ausgangspunkt nach Manaus, dem Tor zum Staate Amazonia.

Im Kautschukboom 1907 wurde mit dem Bau einer Eisenbahnlinie nach Riberalta Bolivien begonnen, durch den Urwald, alles andere als menschenfreundlich. Gelbfieber und Malaria rafften die Arbeiter dahin. 1912 brach der Kautschukmarkt zusammen und das letzte Stück der Eisenbahnlinie wurde nie fertiggestellt. Porto Velho und Manaus fristeten trübe Tage, denn ein listiger Engländer schmuggelte Kautschukpflanzen nach Asien und läutete dort die Kautschukboomzeit ein.

Auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit, in einer Stadt nie ganz einfach denn bei Tankstellen stehen mögen wir nicht, haben wir im Internet einen tollen Campingplatz gefunden. Wir peilen diese Adresse an, da ist nichts, nada, nur eine riesige Halle und ein Swimmingpool. Ein Bursche führt uns zur Sekretärin, die sich unsere Geschichte mit dem Internet anhört und findet, okay, nun seid ihr mal da, dann dürft ihr hier auch übernachten. Nun stehen wir auf dem privaten Fest- und Turngelände einer Firma oder einer Gewerkschaft und dürfen einmal mehr dankbar die tolle Gastfreundschaft annehmen.

Nachmittags haben wir in Porto Velho zwei Optionen für unsere Schiffsreise nach Manaus geprüft. Wir könnten mit einem Lastkahn voller Containern oder auf einem Lastkahn mit Sackgut und Passagieren reisen. Da beide Offerten gleich viel kosten, werden wir morgen mit der zweiten Option nach Manaus verschiffen. Alle bestätigen uns zwar, dass die 850km Reise durch den Dschungel jetzt in der Trockenzeit für unsere Randulina kein Problem wäre, doch wir ziehen es vor, gemütlich den Rio Madeira hinunter nach Norden zu tuckern und den Urwald einmal vom Fluss her zu betrachten.

Pantanal – ein Gefühl wie im Zoo

10. September 2015

Die Einreise in Brasilien ist in 5 Minuten erledigt. In Corumbá stempelt man unsere beiden Reisepässe ab, wir dürfen 90 Tage im Land bleiben – 3 erwartungsvolle Monate liegen vor uns. Wir erwarten einen ausführlichen Check unseres Autos durch Drogenbehörden, Lebensmittelkontrolle usw. aber nichts dergleichen findet statt. Schön für uns und unsere feinen Vorräte im Kühlschrank.

Corumbá selbst ist eine Kleinstadt - mit etwas über 100‘000 Einwohnern - am Rio Paraguay mit vielen Häusern aus der Kolonialzeit. Der Unterschied zur bolivianischen Schwesterstadt Puerto Suarez könnte nicht augenfälliger sein. Sauber, gepflegt, keine streunenden Hunde, ansprechende Geschäfte, Bankautomaten, die mit unseren Kreditkarten auch wieder Geld ausspucken und Tankstellen an denen mit sämtlichen Kreditkarten bezahlt werden kann. Wie einfach das Leben auf einmal ist. (Brasilien ist das reichste Land Südamerikas, Bolivien das Ärmste!)

Nur die Sprache ist etwas umständlich, ich kann zwar Spanisch reden, erhalte aber immer eine portugiesische Antwort und verstehe noch fast nichts. Es wird schon werden, wir haben noch viel Lernzeit vor uns. Die erste Nacht stehen wir auf einer etwas in die Jahre gekommenen Pousada. Jenny, die alte Lady, umsorgt uns mit köstlichem Kaffee, der uns die ganze Nacht nicht schlafen lässt. Zum Zmorge serviert sie uns frische Brötchen, kalten Melonensaft und Früchte aus dem Garten – Bananen und Papayas.

Corumbá ist auch das Tor zum Pantanal, dem grössten Feuchtgebiet der Welt, dagegen sind Floridas Everglades ein Klacks. Nebst Savanne und Urwaldinseln gibt es Weideflächen für Rinder und ein Gewimmel an Wasserwegen, Tümpeln sowie grösseren und kleineren Seen. Während der Regenzeit ist es nahezu unmöglich, den Pantanal zu bereisen, da das Land 1-2m hoch überschwemmt ist. Viele Gebäude der Fazendas / Farmen stehen auf Holzpfählen, sind auf Stegen erreichbar oder liegen etwas höher und sind während der Regenzeit Inseln. Während der Trockenzeit suchen die Tiere die Wasserlöcher auf und es ist einfacher, sie zu beobachten. Ausserdem halten sich jetzt die Moskitos in Grenzen. Unzählige Vögel in allen Grössen und Arten gibt es hier zu beobachten. Von den vielen Brücken aus beobachten wir Angler, die Piranhas fischen, eine heikle Sache, sind doch die Zähne messerscharf. Damit sie die Angelschnur nicht durchbeissen, muss ein Spezialhaken mit einem Metallfortsatz verwendet werden. Stolz präsentieren die Jungs uns ihre Fische. Die Brücken sind auch gute Aussichtspunkte um das offene Land und die Wasserläufe zu beobachten. Ups, was ist denn das? Unsere ersten Kaimane bei Ponte 58. Mit offenen Mäulern liegen sie da um sich abzukühlen, bewegen sich träge ins Wasser um sich dann lautlos mit einem Schwanzschlag davon zu machen. Wir müssen anfangs gut hinschauen, ob es sich um einen Baumstamm oder um einen Kaiman, einen Jacaré handelt. Baden geht in diesen Gewässern gar nicht. Da benützen wir besser die Duschen der vielen Fazendas, die hier Übernachtungsmöglichkeiten bieten. Capibaras liegen träge im Schatten und krächzend fliegen blaue Aras ins Geäst. Die blauen Hyazinth Aras sind mittlerweile selten geworden, wird doch von Wilderern auf dem Schwarzmarkt ein Preis von mehreren Zehntausend Dollars erzielt. Auf den Fazendas werden sie deshalb mit Palmfrüchten angefüttert, dank einfach auffindbarem Futter gelingt eine bessere Brut, was für das Überleben der Tiere wichtig ist.

Auf der Fazenda Santa Clara, einer Ökolodge mit schönem Campingplatz buchen wir eine Wander- und eine Böötlitour. Schweisstriefend beobachten wir Brüllaffen und Kapuzineräffchen, die elegant in den Bäumen herumturnen, ab und zu raschelt ein Pantanalwildschwein durchs Unterholz und auch ein Pudu, einen kleinen Hirsch bekommen wir zu sehen. Interessant sind die grossen Pfotenabdrücke des Pumas, doch der bleibt uns verborgen. Nachmittags geht’s dann mit dem Böötli auf den Rio Abobral. Bereits nach 5m Fahrt stoppt das Boot und unser Führer William zeigt uns 2 Echsen, perfekt getarnt im Geäst der Bäume liegend. Kaimane gehören schon zum Beigemüse und sind keine Foto mehr wert. Eisvögel und die Jabirús, die riesigen Störche ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Bald ist es Zeit zum Umkehren. War’s das schon? Nein, gerade im richtigen Moment, wo alle vor sich hindösen, es ist heiss und feucht und die Sonne steht knallrot am Himmel, kurz vor dem Sonnenuntergang wird das Boot nochmals gewendet. Piedro der Bootsführer flüstert nur: Jaguar. Alle sind hellwach. Da liegt er also und posiert für uns, ein ausgewachsenes Männchen, etwas kleiner als eine Löwin. Würde er nicht ab und zu blinzeln könnte man meinen, er sei ausgestopft und als Touristenattraktion platziert. Als alle ihre Fotos geknipst haben, steht er langsam auf und verschwindet im Dickicht. Stefan ist dann der Star, weil er als einziger einen Fotoapparat mit einem grossen Objektiv hat, alle anderen auf dem Boot haben nur ihre Smartphones mit dabei. Die Freude ist dann umso grösser, als wir unsere Fotos mit allen teilen. Normalerweise bekommen die Führer ein Trinkgeld, doch diesmal bekommen wir eines und dürfen als Dank für die tollen Fotos mit dem Führer noch auf eine Nachtsafari. Dort sehen wir zwar keine Ameisenbären aber dafür 30 Tage alte Kaimane. Ganz herzig die Kleinen. Obwohl Kaimane weniger aggressiv sind als ihre grossen Brüder Alligator und Krokodil möchte ich nachts nicht irgendwo spazierengehen. Die Zähne sehen furchterregend aus und die Augen leuchten im Schein der Taschenlampe grauselig. Ausserdem liegen sie auch auf der Strasse herum und werden so nicht selten Opfer von Autos.

Ein spannender Tag, vor allem weil auf dem Campingplatz auch noch ein junger Kolumbianer ist, der seine Masterarbeit in Zoologie schreibt und uns viel Wissenswertes über das Verhalten der Tiere im Pantanal erzählen kann. Mit Hintergrundwissen macht das Ganze noch viel mehr Spass. So wissen wir jetzt, dass der Riesenotter, der hier auch vorkommt, im Rudel Kaimane jagt und frisst. Was für die Riesenotter ein Spiel ist, ist für den Kaiman meist der Anfang vom Ende.

Die Brüllaffen heulen immer noch in den Bäumen herum, laut den Einheimischen ein Zeichen für Wetterwechsel. Und wirklich, nach Monaten strahlender Sonne regnet es anderntags wie aus Kübeln und die Temperatur fällt um nahezu die Hälfte. Da ziehen wir abends die Faserpelzjacken wieder aus dem Schrank. Heute ist alles feuchtkühl, aber glücklicherweise halten sich die Moskitos in Grenzen.

In Miranda werden wir im Supermercado auf Schweizerdeutsch angesprochen, wir sind auch nur unschwer von den Brasilianern zu unterscheiden. Mirjam, eine Schweizerin, die hier lebt, hat unser Auto gesehen. Sie hat eine schöne Farm – Meia Luna, Halbmond – mit 3 Stellplätzen für Overlander. Das trifft sich gut. Eine kurze Erklärung wo wir die Farm finden werden und bevor wir in den Nordpantanal zu weiteren tierischen Abenteuern starten, bleiben wir etwas hier.

Mit den Jesuiten in die Tropen

01. September 2015

Die eiskalten Nächte auf den Salaren und dem Altiplano sind definitiv Vergangenheit, unser Aufenthalt in der Kolonialstadt Sucre ebenfalls. Die „Ruta del Che“ regt uns zum Denken und Philosophieren an. Che Guevarra ist hier allgegenwärtig. La Higuera wurde sein Sterbeort und gleichzeitig starb auch der Revolutionsgedanke.

Die Menschen werden offener und fröhlicher, das macht auch das Klima. Das Thermometer zeigt tagsüber 40 Grad und nachts etwa die Hälfte an.

Flora und Fauna haben gewechselt. Wir sitzen unter Palmen, die Orchideen oder Philodendronartigen als Wirtspflanze dienen. Die Vogelwelt ist farbig und stimmgewaltig in der Dämmerung. Beim Morgenessen fliegen drei Tucane über unseren Tisch.

Vorbei sind ebenfalls die Ferien in Samaipata bei Inge und Werner, die wir auf unserer Antarktistour kennengelernt haben. Es war eine tolle Zeit mit Wanderungen, Gesprächen und schönen Abenden Werners gemixte Sundowner mit Zuckerrohrschnaps haben unsere Vorfreude auf Brasilien geweckt. In Santa Cruz ist Reifenwechsel angesagt, der Reifenhändler ist so fasziniert von unseren Reifen, dass der Service gratis ist. Dann steigt auch noch unser Navi aus und per Zufall gibt’s gerade in der Nähe ein Geschäft mit dem gewünschten Ding und man lädt uns gleich die ganzen Karten Südamerikas auf’s Gerät. Superservice ebenfalls. Im wunderschönen Parque Güembe übernachten wir dann auch sicher auf dem Parkplatz. Wir staunen auf der Hinfahrt durch die modernen Villenquartiere einmal mehr über die gewaltigen Unterschiede in Bolivien. Oel- und Gasvorkommen sowie Drogenschmuggel haben Santa Cruz zur reichsten Stadt und dem reichsten Departament Boliviens gemacht.

Die Chiquitania ist aber auch kulturell reich – überreich sogar. Das hat sie den Jesuiten, von denen nicht wenige Schweizer waren, zu verdanken. Im 17. Jahrhundert christianisierten die Jesuiten die indigene Bevölkerung, machten die teilweise nomadisierenden Menschen sesshaft und retteten sie so vor der Sklaverei durch die spanischen Eroberer. Statt in der Sklaverei zu darben, erhielten die Chiquitanos Unterricht in Musik und Kunsthandwerk, beides Dinge, die bereits zu ihrem Kulturgut gehörten, aber durch die Mönche verfeinert wurde. Ab dem 18. Jahrhundert entstanden in Zusammenarbeit mit der indigenen Bevölkerung wunderbare Kirchen mit herausragenden Schnitzkunstwerken. Die Jesuiten wurden den Spaniern aber irgendwann zu einflussreich und wurden, wie anderswo auch, aus dem Land gejagt.

Als man sich 1970 dran machte, die Kirchen zu renovieren, wurde der Schweizer Jesuit und Architekt Hans Roth dazu berufen. Roth machte seine Arbeit so gut, dass die Kirchen ins UNESCO – Weltkulturerbe aufgenommen wurden. Ausserdem fand er bei Restaurationsarbeiten viel Notenmaterial aus der Barockzeit, seinem Kollegen Walter Neuwirth verdanken wir, dass diese Musik heute wieder gespielt wird. In allen Dörfern der Chiquitania erhalten Kinder Musikunterricht. Es gibt in jedem Dorf ein Orchester und Chöre und überall sieht und hört man Kinder Geige spielen. Wir kommen am Sonntagmorgen nach der Messe in San Javier in den Genuss eines Konzertes, das ist kein Gefiedel, nein das ist schlicht und ergreifend Meisterklasse. Es werden nationale und internationale Barockmusikfestivals durchgeführt, die Kinder- und Jugendorchester sind auf Tournee in Europa und erhalten eine unvorstellbare Chance für ihr weiteres Leben. Ein Spaziergang in einem einfachen Dorf, 250km von der nächsten Grossstadt entfernt – und es ertönt von irgendwo her eine Geige – eindrücklich. Roth gestaltete auch moderne Kirchen, unter anderem in Chochís, einem kleinen Ort, wo 1972 ein Unwetter das Brückentrassee unterspülte und der Zug abzustürzen drohte. Dank Gebeten der Reisenden stürzte die Brücke erst ein, nachdem der letzte Waggon die Brücke überquert hatte. Viele Menschen in diesem kleinen Dorf überlebten die Katastrophe aber nicht und werden bis heute vermisst, die Fluten müssen unvorstellbar gewesen sein.

Wir erleben die Menschen in der Chiquitania als ausserordentlich freundlich, überall sind wir herzlich willkommen. In Santa Ana, wo die älteste Orgel steht, verbringen wir einen wunderbaren Abend in einem kleinen Restaurant von Dona Emma und übernachten grad auf dem Dorfplatz.

Auf der Fahrt fallen Bäume mit Blüten in den knalligsten Farben auf – knallgelb und pink leuchtet es immer wieder. Die aufgeplatzten Samen der Kapokbäume hängen wie Christbaumkugeln an den Ästen. Unterwegs gibt es Bäche mit warmem Wasser, die trotz der Hitze zum Baden einladen – Wasser ist immer gut, aber der kühle Swimmingpool im Hotel Villa Chiquitana mit angeschlossenen Campingplatz war doch etwas angenehmer.

Bis zum Grenzübertritt in Puerto Suarez nach Corumbá in Brasilien ist es nicht mehr weit und schön asphaltiert. Welch ein Luxus.

Eigentlich wollen wir ganz zackig nach Brasilien, denn unsere Aufenthaltsbewilligung für Bolivien gilt nur noch einen Tag. Aber so schnell können wir Bolivien nicht verlassen. Auf dem Migrationsamt gibt es zwar viele Reisende in einer Warteschlange, aber kein Zöllner für die Abfertigung. Ich frage mich mal durch und der Polizist meint, wir müssten halt warten. Eine halbe Stunde später bemüht sich dann ein Zöllner und nach weiteren 45 Minuten sind wir dann ausgestempelt. Für das Auto müssen wir zur Aduana. Aber die ist geschlossen, weil der Zollbeamte bis 14h30 Mittagspause hat. „Illegal“ steigen wir ins Auto und fahren wieder in den Ort zurück um etwas zu trinken. Es ist schliesslich erst 13 Uhr.

Da wir die Pünktlichkeit der Südamerikaner mittlerweile gut kennen und uns auch denken können, dass sich auch wieder eine Warteschlange gebildet hat, fahren wir erst um 15h bei der Aduana vorbei. Vor uns stehen 4 Reisende, die ihr Auto ein- oder ausführen möchten. Super, doch weit gefehlt, für diese vier braucht der Zöllner fast eineinhalb Stunden. Um halb fünf Uhr wird dann endlich unser Auto ausgestempelt. Fazit: Geduld bringt Rosen und vom Arbeiten bekommt man in Bolivien definitiv keinen Herzinfarkt. Brasilien wir kommen.

Von Ritualdörfern und einem Eisberg auf dem Altiplano

01. August 2015

Daheim schauen wir ab und zu im Fernsehen Dokumentarfilme über fremde Länder. Genauso ist das jetzt bei uns. Nur zieht die Landschaft nicht im TV an uns vorbei sondern wir an ihr. Hauptakteure sind Wellblechpisten, Salare, Flamingos, Nandus, Vicuñas, Lamas und Alpacas sowie rauchende Vulkane und Geysire und eben ein Eisberg. Regisseur: die Natur, Drehort: Bolivien und Chile. Statisten und Zuschauer: Wir beide.

Nach dem Exkurs in der bolivianischen Strassenblockade ist die Freiheit grenzenlos! Über die hässliche Stadt Oruro, die im eigenen Müll zu versinken droht (Kehrrichtverbrennungsanlagen oder saubere Mülldepots sind hier ein Fremdwort, der Unrat ist um die Stadt herum verteilt) tuckern wir zum Nationalpark „Sajama“. Der höchste Berg Boliviens, eben der Sajama mit 6542m, ist schon lange sichtbar. Zum Besteigen scheint er schwierig und der Parkranger meinte denn auch, 3 Tage müsste man für die Tour schon einplanen, wir lassen‘s bleiben. Stattdessen füllen wir unsere Wasservorräte auf dem Hauptplatz auf, strolchen durch das hübsche Örtchen, picknicken an der Laguna Huanakuta mit Flamingos und geniessen den Blick auf die Vulkane Sajama, Pomerape und Parinacota, alle drei wunderschöne Gipfel. Der Parinacota hätte auch eine tolle Flanke um mit den Skis hinunterzuwedeln. Wir übernachten mausbeinallein bei den bolivianischen Geysiren und geniessen am Morgen ein Bad im warmen Bächlein. Der Abwasch ist schnell erledigt, dank dem heissen Wasser, das die Natur uns zur Verfügung stellt. Als die ersten Touristen kommen machen wir uns davon und bereiten uns schon mal seelisch für den Grenzübertritt nach Chile vor. Haben wir alles aufgegessen oder gut versteckt? Das Ei habe ich vorsichtshalber im heissen Geysirwasser hart gekocht. So darf ich es über die Grenze nehmen. Ein kleines Picknick mit den letzten Rüebli, Chile wir kommen wahrscheinlich zum letzten Mal. Der Grenzübertritt in Chungará verläuft etwas kompliziert, aber nach eineinhalb Stunden haben wir es geschafft. Die Bolivianer haben eine etwas chaotische Reihenfolge, die Chilenen wollen wieder mal unsere Koffer röntgen, und werden rot, als wir ihnen sagen, unser Auto sei ein kleines Wohnmobil, wir hätten keine Koffer. So wird der Ordnung halber mein halbleerer Rucksack durchleuchtet.

In Putre gibt’s nach langem wieder Einkaufsmöglichkeiten, wifi und ein Restaurant, wo wir Alpacafleisch mit Quinoa geniessen. So erübrigt sich das grosse Gekoche am Abend.

Anderntags fahren wir im Staub Dutzender Lastwagen, den rauchenden Vulkan „Guallatire“ immer im Blickfeld, Richtung „Salar de Surire“. Leider beruft sich eine private Minengesellschaft auf alte Schürfrechte und baut mitten im Salar und im Nationalpark Borax ab. Dieses weisse Mineral entsteht, wenn Salzseen austrocknen, ausserdem kommt es in Vulkanschloten vor. Man verwendet es für Glasuren, zur Glas- und Emailproduktion und im Haushalt wird es in Seife, Wasserenthärtern und in Waschmitteln (PerBORat), in Putz- und Bleichmittel und in Desifektionsmitteln verwendet.

Dass hier in dieser Abgeschiedenheit auch noch Menschen leben, zeigt sich an den grossen Lama- und Alpacaherden. Statt Mustangs wie im wilden Westen, rennen diese Tiere am Abend durch das Bachbett, während wir unseren Apéro geniessen. Ein faszinierendes Schauspiel. Überhaupt sind diese „Bofedales“ die Sümpfe das Herz der Region. Den Enten, Gänsen, Nandus, Vicuñas, Lamas und Alpacas dienen die Sümpfe als Nahrungsgrundlage. Viel Futter ist da vorhanden und für den Mensch auch Trinkwasser.

Im Gegensatz zum „Salar de Uyuni“ ist der „Salar de Surire“ für Private nicht befahrbar. Wir fahren also um den Salar herum und bestaunen die Natur. Die zahlreichen Flamingos, die sich anscheinend an den Lärm der Lastwagen gewöhnt haben, sind mehr als nur rosa, sie sind fast bordeauxrot. Die Landschaft ist mehr als grandios. Bald schon sehen wir Dampfwolken. Das müssen die „Termas de Polloquere“ auf der anderen Seite des Salars sein. Das Wasser tritt mit ca. 66oC aus dem Untergrund aus, füllt verschiedene Naturbecken und erinnert uns an die „Blue Lagoon“ in Island. Die Temperatur in den Badebecken mit den kleinen Inseln beträgt etwa 45-50oC. Ziemlich heiss also, aber hat man sich daran gewöhnt, hält man es gut und gerne 20min aus. Die Sonne scheint zwar, aber auf über 4000m ist es etwas kühl, also ideal für den umgekehrten Saunaeffekt, genauso wie wir es in Island kennengelernt haben. Man wärmt sich im Wasser auf und kühlt sich am Land ab. Ein junger, brauner Flamingo gesellt sich zu uns, entweder will er seine Füsse wärmen oder die kleinen Krebsli sind hier besonders fein. Nach diversen „Saunagängen“ riechen wir etwas schweflig, sind aber porentief rein.

Vorbei an ausgestorbenen Dörfern mit hübschen Kirchen geht’s nach Enquelga. Die meisten Dörfer werden von den „Aymaras“ einer ethnischen Gruppe der Ureinwohner nur noch als Ritualdörfer zu verschiedenen Festen aufgesucht und sind grösstenteils ausgestorben. Die Festtage der Aymara fallen oft mit den katholischen Festlichkeiten zusammen, nur ist der Ursprung ganz anders. Die spanischen Missionare haben das Christentum nach Südamerika gebracht und die indigenen Völker haben auf deren Druck christliche Bräuche übernommen ohne ihre eigenen aufzugeben. Neben den Kirchen findet sich meist ein grosser Platz auf dem die Aymara ihre Rituale und Festlichkeiten abhalten. Die Missionare bauten die Kirchen nämlich gleich neben den Ritualplatz der Indios.

Auch hier im Nationalpark „Volcán Isluga“ wo der Vulkan kräftig raucht, gibt es „Aguas Calientes“. Nach den nachmittäglichen heissen Wassertemperaturen erscheint uns 28oC aber doch etwas sehr kühl. Also lassen wir das Baden bleiben und sehen lieber der Schäferin zu, die ihre Schafherde mit Pfiffen über die Weide dirigiert. In einem Gespräch erklärt sie mir, dass die Schafmilch zu Käse verarbeitet werde und die Lamas und Alpacas im November geschoren werden wie die Schafe. Den zierlichen wilden Vicuñas wird etwa alle 1-2 Jahre das feine Fell gekämmt um an die weiche Wolle zu kommen. Im Frühling, also in unserem Herbst, sei das ganze Land grün und sie würden hier auf dieser Höhe Kartoffeln und Quinoa anbauen.

Am anderen Morgen reizt uns das „Agua caliente“ aber doch, in einem Hallenbad bei uns ist das Wasser meist von gleicher Temperatur. Also vorsichtig reinsteigen und siehe da, nach kalter, klarer Vollmondnacht ist es doch genau das richtige, eine Runde zu schwimmen und dass wir heute wieder staubig werden ist doch klar denn uns lockt das Geysirfeld „Puchuldiza“ ebenfalls im Nationalpark „Volcán Isluga“. Unzählige kleine und grosse kochende Wassertümpel (das Wasser kocht auf dieser Höhe bereits mit 85oC) sind hier zu finden und als grosser Akteur in diesem Dokumentarfilm auch ein Geysir, der unablässig sein heisses Wasser ca. 10m hoch in die Luft bläst. Da es nachts eiskalt ist, entsteht ein Eisberg, der in dieser Szenerie etwas seltsam anmutet. Wir können uns nicht sattsehen, spazieren auf dem Geysirfeld herum und entschliessen uns, hier zu übernachten. Neben uns ein trockenes Loch, während wir Kaffee trinken gurgelt und sprudelt es dort. Das trockene Loch ist zum Leben erwacht, Wasser kocht, steigt und füllt das ganze Becken, nach 5min ist der Spass vorbei, das Wasser zieht sich zurück und übrig bleibt das trockene Loch im Boden, das Schauspiel wiederholt sich nach etwa einer Stunde. Einen anderen Geysir sehen wir ganz zufällig aufsteigen, ein Spiel das der Zufall bestimmt. Ein irres Spiel am Abend, beim Sonnenuntergang scheint die ganze Erdkruste aufzubrechen und das ganze Feld in Dampf zu hüllen.

Und dann geht’s weiter über den „Paso Alto Chaviri“, dessen gute Strasse uns auf 5081m hinaufführt. Einige Stunden später spazieren wir am „Salar de Huasco“ auf weissem Borax herum, bewundern Nandus, Lamas und vor allem Flamingos. Einträglich waten grosse Andenflamingos, Chilenische Flamingos und die kleinen James Flamingo im feuchten Teil des Salars herum, immer auf der Suche nach ihrem Lieblingsfutter, kleinsten Krebschen mit viel Carotin, dass das Gefieder so schön rosa färbt. Einige Nandus springen mit langen Schritten davon und Lamas grasen friedlich das harte Gras ab.

Unsere grosse Altiplano Rundfahrt ist nun abgeschlossen. Wir fahren weiter nach Pica, wo ein gänzlich anderes Klima herrscht. Hier werden die kleinen Limonen, die in den Pisco Sour gemixt werden und viele andere tropische Früchte angebaut. 

Strassenblockade in Bolivien

25. Juli 2015

Nach erlebnisreichen Tagen auf dem Salar de Uyuni fahren wir auf dem Altiplano im Westen Boliviens südwärts und freuen uns an der schönen Landschaft. Dann, hinter einer Kurve parkieren Lastwagen entlang der Strasse. Was ist denn da los? Ein Volksfest? Eher nicht, die Chauffeure winken uns, wir sollen das Tempo drosseln und anhalten. Wir quetschen uns in eine „Parklücke“ zwischen zwei Lastern. Jemand kommt zu uns und erklärt uns, dass die Strasse nach Oruro seit 3 Tagen hier blockiert sei, gleich rennt dieser jemand wieder weg. Wir steigen aus. Und wirklich, die Strasse ist mit Steinen, Schutt, sitzenden Indiofrauen und quergestellten Lastwagen regelrecht abgeriegelt. Eine Gruppe ruft uns zu, wir sollen zu unserer eigenen Sicherheit nach Rio Mulatos zurückfahren. Was wir denn auch versuchen. Aber das ist aussichtslos, denn mittlerweile wird die Strasse von beiden Seiten abgeriegelt. Man empfängt uns mit Schlagstöcken und Steinen. Wir halten an, denn die Windschutzscheibe sollen sie uns nicht einwerfen und versuchen in einem Gespräch eine Durchfahrt zu erreichen. Nützt natürlich nichts, sie sind engstirnig, es sei halt unser Fehler, dass wir zur falschen Zeit am falschen Ort seien. Wenn es uns gelänge, vom Anführer eine schriftliche Genehmigung zu erhalten, liessen sie uns durchfahren. Die Blockade dieser 5 Männer wollen wir nicht einfach durchbrechen, sie wirken aggressiv und zu allem bereit. Und ich bin sicher, die Geschosse der Steinschleudern hätten unserer Randulina nicht gut bekommen. Wir können beobachten, wie ein gelber Lastwagen auf einem Feldweg die Blockade zu umgehen versucht. Aber die Männer sind schneller und hängen sich an den Laster und zwingen ihn auf die Strasse zurück. So geschieht es ebenfalls mit einem Pickup. Die Männer schwingen sich blitzgeschwind auf die Ladebrücke und zwingen den Pickup sich ganz nach vorne einzureihen. Er wird gleich auch dazu benützt, die Strasse zu blockieren. Bei uns kann sich glücklicherweise niemand ans Auto krallen, wir kehren um und reihen uns wieder zwischen die Lastwagen ein. Sicher ist sicher.

Irgendein Typ, wir wissen nicht, ob er zu den Lastwagenfahrern oder zum Blockierertrupp gehört, kommt zu uns ans Auto und erklärt uns die Situation. Boliviens Präsident Evo Morales habe dieser Region einige Projekte zum wirtschaftlichen Aufschwung versprochen, bis heute wurde in der ärmsten Provinz aber nichts realisiert. Nun ist der Bevölkerung der Kragen geplatzt und mittels dieser und einer anderen Strassenblockade nahe Potosí soll der Bau einer staatlichen Zementfabrik erzwungen werden.

Einige Stunden später hat sich die Situation etwas entschärft. Wir suchen gemeinsam den Chef der Blockade auf, der uns natürlich keine schriftliche Erlaubnis gibt, aus der Blockade herauszukommen. Jegliches Gespräch mit uns lehnt er strikte ab und erklärt uns, wir müssten Geduld haben, andere sitzen schon seit 3 Tagen fest. Um 16 Uhr gäbe es Neuigkeiten, wir würden dann informiert. Jetzt ist es 11 Uhr. Also vertreiben wir uns die Zeit mit lesen und spielen. In der Zwischenzeit wird uns langsam klar, wer zu welchem Trupp gehört. Die Lastwagenfahrer haben ebenfalls einen Anführer, Julio. Er entschuldigt sich bei uns, weil wir als Touristen so etwas erleben müssten und nun über Bolivien schlecht denken würden. Aber er würde dafür sorgen, dass uns nichts passiert. Er nimmt auch an der Diskussion um 16 Uhr teil, wo entschieden wird, wie lange die Blockade noch dauern soll. Er kommt dann auch mit der Nachricht zu uns, dass vorläufig nichts zu machen sei und wir die Nacht hier auf der Strasse verbringen müssten. Es gesellen sich weitere Chauffeure zu uns und nehmen unseren Land-Rover in Augenschein. Alle sind sich einig, dass wir wohl das beste Fahrzeug hätten, um hier zu übernachten. Ich brutzle uns eine feine Rösti, Stefan öffnet eine Flasche Wein, wir heizen tüchtig ein und überstehen die eiskalte Nacht auf 3‘800 müM problemlos. Ab und zu einen knallt ein Feuerwerkskörper und wir hören lautes Geschrei, sind aber weit vom Geschütz entfernt und stören uns nicht weiter daran.

Wie immer scheint am Morgen die Sonne und draussen ist es wärmer als im Auto. Also machen wir einen Spaziergang nach vorne, da kommt uns gleich Julio mit Marina und Denis aus Deutschland entgegen. Die beiden mussten die Nacht ganz vorne im Pulk verbringen. Ihr Pickup wurde ebenfalls als Strassensperre missbraucht und als sie nachts den Motor laufen liessen, um die Standheizung zu aktivieren, schlug man ihnen mit Schlagstöcken aufs Auto und rammte gleich noch einen Nagel in den Pneu, damit sie mit dem Plattfuss nicht wegfahren konnten. Man stellt sich eine Hochzeitsreise nicht so vor, oder?

Einer der Rädelsführer entschuldigt sich dann doch bei ihnen für den Übereifer der Blockierer, während die Lastwagenchauffeure das Rad wechseln. Wir machen dann mal Kaffee und Brötchen bei uns im Auto damit Marina und Denis sich in der Randulina aufwärmen und verpflegen können.

Ob wir das denn nicht auch bei uns hätten, wollen die Blockierer wissen, das sei doch normal, wenn man die Regierung unter Druck setzen wolle um seine Ziele zu erreichen. Sie staunen nicht schlecht, als wir ihnen erklären, dass das in unseren Ländern nicht so gehandhabt werde und wir Konflikte mit demokratischen Regeln lösen. Unverständlich für die Bolivianer.

Gegen Mittag werden wir von den Lastwagenfahrern zum Zmittag eingeladen. Die Lastwagen transportieren ja auch Lebensmittel, so ist Hunger kein Problem. Und auch bei den Blockierern kann man sich mit Essen eindecken. Einige Indiofrauen kochen Suppe, Eintöpfe und dicke Bohnen andere sind im Sitzstreik. Die Situation wirkt irgendwie komisch und grotesk.

Und dann die Wende. Der Alcalde, Bürgermeister, trifft ein und wir 4 Touristen werden zu ihm gebeten. Man bietet uns quasi ein Friedensmahl an und er macht mit uns Smalltalk, will vieles über und von uns wissen, über unsere Länder… und pünktlich um 14 Uhr schickt er uns wieder weg. Wir würden weiteres später erfahren. Gegen halb drei Uhr werden wir vom anderen Rädelsführer „empfangen“ und er erlaubt Marina und Denis jetzt loszufahren. Wir beide dürften 2 Stunden später die Blockade verlassen. Wir können natürlich um 16 Uhr nicht einfach losbrausen, denn wir wissen nicht, ob der Mob vom Entscheid des Anführers weiss. Während Stefan langsam aus der Kolonne herausfährt, suche ich nochmals den Chef, damit er die Situation klar regelt. Natürlich ist er nirgends zu finden, und niemand kennt den Chef oder weiss wo er ist. Mit einer Gringofrau will niemand sprechen.

Gegen halb fünf erhebt sich der Chef aus seiner Siesta und um 17 Uhr dürfen dann auch wir die Blockade verlassen. Schön langsam, damit keiner der Blockierer meint, wir seien auf einer unerlaubten Flucht fahren wir im Zickzack durch die Sperren.

Nach diesem etwas besonderen Reiseerlebnis sind wir froh, wieder in Freiheit zu sein. Leid tun uns einerseits die vielen Lastwagenchauffeure, die noch eine oder zwei weitere Nächte auf der Strasse verbringen müssen und andererseits auch die hoffnungslosen Blockierer, die zwar mit dieser Aktion etwas Aufmerksamkeit erreichen konnten, aber kaum mehr.

Über die Lagunenroute zum Salar de Uyuni

22. Juli 2015

Die Zollformalitäten in San Pedro de Atacama waren schnell erledigt, wir reisten ja auch nach Bolivien aus. Kühlschrank und Vorratskasten sind gut gefüllt mit Käse, Fleisch und frischem Obst und Gemüse. Wir werden tagelang nicht einkaufen können.

Schon lange haben wir uns auf diese Strecke gefreut – die Lagunenroute in Bolivien, die ihr Ende am Salar de Uyuni findet. Abenteuer pur, grosse Höhen, Schotterpisten für 4x4 Geländewagen mit hoher Bodenfreiheit und einmal mehr spektakuläre Landschaften.

Die Einreise in Bolivien findet auf 4488müM auf Hito Cajones statt. Die Migration ist nur ein kleines Haus. Nach dem Ausfüllen des Einreiseformulares wird der Pass gestempelt, der Schlagbalken wird für uns geöffnet, wir sind in Bolivien. Kurz darauf folgt das Campamento des „Reserva Natural de Fauna Andina Eduardo Avaroa“. Es scheint, der Nationalpark habe die grössere Bedeutung als die Zollstation, die nicht einmal eine Abfertigung für die Einfuhr des Autos hat. Diese Formalitäten erledigen wir in der 80km entfernten Aduana, die sich bei einer Mine auf 5033müM befindet. Die Luft ist dünn, 2 Zollbeamte begutachten unser Auto, checken Chassis-Nummer und Autonummer mit dem Fahrzeugausweis und füllen im Adlersystem aber immerhin auf dem Computer ein Formular aus, welches uns erlaubt, unsere Randulina einzuführen. Dauer der ganzen Prozedur: 50 Minuten. Aber wir haben Zeit, auf dieser Höhe stresst mich nur mein Kopfweh.

Die 80km zwischen Migration und Aduana sind gespickt mit landschaftlichen Höhepunkten. Die beiden Lagunen Blanca und Verde verdienen ihren Namen zu Recht. Gegen Mittag leuchtet die „Laguna Verde“ smaragdgrün, Kupfer, Arsen und Blei sind für die Farbgebung verantwortlich; während die „Laguna Blanca“ weissschimmernd daliegt. Im Hintergrund erhebt sich der Vulkan Licancábur. Endlose Weiten wechseln sich mit Vulkanen ab, Wüste im Hochland mit heissen Quellen, die wir natürlich sofort für ein Bad nutzen. Immer mehr bergauf geht es zum Geysirfeld „Sol de Mañana“. Das lassen wir noch links liegen und fahren eben zur Aduana.

Zu meinem Kopfweh hin fühle ich mich auch etwas grippemässig. Auf dieser Höhe, nein, das geht gar nicht. Wir fahren wieder zurück zu den Termas de Polques. Immerhin 600m tiefer. Am nächsten Morgen sind wir aber nicht allein, Dutzende von Land-Cruisern mit Ausflüglern sind ebenfalls da. Nun ja, wir geniessen unser Morgenbad trotzdem. Und dann nichts wie los zu den Geysiren. Ich fühle mich wie neugeboren, ob es wegen dem heissen Bad oder den Medikamenten ist sei dahingestellt. In diesem 1km2 grossen Geysirfeld, welches als das höchstgelegene der Welt gilt, sprudelts und dampfts und riechts wie in Teufels Küche. Je nach Mineraliengehalt sind die kochenden Lehmtümpel weiss rosa, orange, hell- oder dunkelgrau gefärbt. Auch der Geysir sprüht seine Dampffontäne in die Luft und der Wind treibt sein Spiel damit. Irgendwann müssen wir uns losreissen und uns wieder auf die Wellblechpiste begeben. Wie im Schüttelbecher tuckern wir zur „Laguna Colorada“, einem orangefarbigen See inmitten der Wüste. Thermalwasser verhindert das Gefrieren der Lagune und eine spezielle Algenart färbt diese nur 45cm tiefe Lagune so intensiv. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir Hunderte von intensiv rosa gefärbten Flamingos, zusammen mit den weissen Boraxinseln der Hingucker.

Wind und Wetter formten dann die nächsten Highlights, wie wir sie zwar schon einige Male gesehen haben, aber immer wieder faszinierend finden – in der Siloli Wüste steht der „Arbol de Piedra“, der Steinbaum und viele andere Skulpturen aus vulkanischem Gestein. Heute wird wieder endlos fotografiert.

Nach der „Lagunenroute“ folgt die „Ruta de la Joya“, die Route der Juwelen. Und wirklich liegen weitere kleinere und grössere Lagunen wie Juwelen auf der Strecke. Die Meisten waren gefroren. Nachts ist es jeweils bitterkalt, trotz nächtlicher Windstille geniessen wir 20 Grad im Minusbereich. Den Flamingos in der Laguna Hedionda scheint das nichts auszumachen, nur beim Abfliegen auf Glatteis sollten sogar sie Spikes montieren. Aber wir hätten dann nichts mehr zu schmunzeln.

Nach der letzten Lagune geht’s steil bergauf und die Strasse gleicht eher einem Bachbett. Dazu haben wir einiges an Gegenverkehr, man spürt die Sommerferienzeit in Europa und Nordamerika. Alle scheinen sich in Bolivien in Land-Cruisern zu vergnügen.

Irgendwann erreichen wir die Erdstrasse und werden vom rauchenden Vulkan Ollagüe begrüsst. Unter alten Lavafelsen gibt es Mittagsrast. Doch die Freude über die Erdstrasse, die zu fahren ist wie eine Asphaltstrasse (jeder zieht einfach eine immense Staubfahne hinter sich her) hält nicht lange. Denn Richtung Salar de Uyuni geht’s anfänglich wieder über Wellblechpisten zum Salar de Chiguana. Welche Erholung eine Fahrt auf dem Salar bietet, kann sich nur vorstellen, wer Hunderte von Kilometern Rüttelpiste gefahren ist. In San Juan ist nicht viel los, vielleicht weil es Sonntag ist, vielleicht weil es Siestazeit ist. Lamas stehen friedlich zwischen den Häusern in den Strassen und auch im Dorf Villa Martin Colcha K scheint die Zeit still gestanden zu sein. Kakteen ragen auf, die Quinoa Felder sind abgeerntet, ein etwas trostloser Anblick. Aber immerhin ist hier schon wieder Landwirtschaft möglich. Wir befinden uns immer noch auf über 3500müM.

Und dann sehen wir ihn – den Salar. Wieder eine Superlative. Der Salar de Uyuni ist die grösste Salzpfanne der Welt, fast ein Viertel der Oberfläche der Schweiz, ca 160km lang und 135km breit mit 72 Koralleninseln, bewachsen mit Gebüsch und bis zu 10m hohen Kandelaberkakteen. Auf der Insel Incahuasi leben Vögel und eine Chinchilla Art. Etwa 75% des Weltvorrates an Lithium sollen im Salz enthalten sein, bis heute wird noch fast nichts ausgebeutet. Für Batterien und Mikroprozessoren ist also noch lange nicht aus. Ist der Salar ausgetrocknet, was er jetzt ist, ist er befahrbar und steinhart, von Dezember bis Juni soll es eine matschige Angelegenheit sein mit der Gewissheit steckenzubleiben.

Wir finden für uns eine kleine Privatinsel. Da es praktisch windstill ist, geniessen wir die Aussicht von unserem Inselchen über das Weisse Meer. Und dann packt es uns. Stefan holt die Velos aus dem Auto und wir radeln wie die Verrückten über den Salar. Die Distanzen täuschen, aber was soll‘s, wir machen keine Höhenmeter, es ist einfach flach. Wir erkunden und umrunden weitere Inseln und bestaunen die Salzausblühungen, die Strukturen, die verschiedenen Farben – je näher am Ufer einer Insel umso brauner das Salz, je weiter draussen desto weisser, und wir geniessen abends den Sonnenuntergang der alles in ein rosa Licht taucht und später das endlose Sternenmeer mit der Milchstrasse. Wir geniessen unsere Robinsonade ausgiebig bevor wir ins Städtchen Uyuni fahren, wo es scheint, dass Touristen in der Überzahl sind. Auf dem Markt kaufen wir Brot, Trinkwasser und eine riesige Avocado. Geldwechseln steht ebenfalls an, alle Bancomaten sind ausser Betrieb. Dann zur Post, und welche Überraschung, die 7 Briefmarken in die Schweiz kosten mehr als unser Mittagessen.

Unser heutiger Übernachtungsplatz ist so völlig anders als in den letzten Tagen. Wir stehen zwischen alten ausgedienten Lokomotiven, die friedlich vor sich her rosten. Hier heisst es romantisch „Cementerio de Trenes“, bei uns wäre es ein Schrottplatz. Und wenn dann noch ein wirklicher Zug vorbeifährt wirkt die Szenerie etwas gespenstisch, eben wie ein Geisterzug.

Ruta 40 at it’s Best


28. Juni 2015

Wir übernachten mitten in der argentinischen Puna. Ob wir wohl den Eseln ihren bevorzugten Schlafplatz besetzen, sie vollführen mitten in der Nacht einen Heidenlärm. Da sind wir schon bei den typischen Bewohnern der Puna. Nebst vielen Vicuñas, die unter starkem Schutz stehen, trippeln ab und zu Nandus über die weiten Ebenen, an den Lagunen trifft man Flamingos und selbstverständlich Enten. Das harte spitze Gras fressen nebst Ziegen und Schafen vor allem Lamas ab. Mit ihren farbigen Pompons in den Ohren sehen sie hübsch aus. Immer wieder trifft man auf Hirten. Das Leben ist einfach und hart, aber ohne Zeitdruck und einem kleinen Schwatz ist auch niemand abgeneigt.
In La Quiaca endet die legendäre Ruta 40. Die Quarenta, die längste Strasse der Welt mit 5081km beginnt am Cabo Virgenes, dem südlichsten Zipfel des argentinischen Festlandes und führte uns immer wieder an die spektakulärsten Orte. Wir sind sie nicht ganz gefahren und fahren auch jetzt nur ein Teilstück Richtung Süden. La Quiaca selber, als Grenzstädtchen zu Bolivien bietet nicht viel. Da ist Yavi mit seiner schmucken Kirche interessanter.
Der nördlichste Ast der Ruta Quarenta führt uns in Dörfer auf über 4200m, wo Kinder Fussball spielen und sich nichts aus der Höhe machen. Dann führt sie uns durch Schluchten und über viele Kilometer verläuft sie gar in einem teilweise ausgetrockneten Bachbett. Immer wieder sind die Sandsteinfelsen von Wind und Wetter wunderbar erodiert, obwohl wir solches nun schon zu Hunderten gesehen haben, können wir uns kaum satt sehen. Unserer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wir sehen wie Orgelpfeifen, Paläste der Winde, ganze Schiffe oder Schokoladebrunnen die Landschaft verzieren.
Plötzlich ein Schild „Aguas Termales“. Wann haben wir das letzte Mal geduscht? Also abzweigen und nachsehen welche Überraschung die Ruta 40 hier für uns bereithält. Eine schöne Hütte, man hört das Wasser plätschern und siehe da, eine gemauerte „Badewanne“, die von angenehm temperierten Wasser gespiesen wird. Es braucht keine Überwindung um hinein zu steigen. Ein Vollbad hab ich schon lange nicht mehr geniessen können. Und schon gar nicht auf fast 4200m Höhe.
Und dann verlassen wir die Vierzig definitiv und fahren auf der Schotterpiste der Ruta Provincial 77 Richtung Paso Jama. Wieder ärgste Wellblechpiste und über Berg und Tal der Grenze zu Chile entgegen. Nach knapp zwei Stunden erreichen wir die Zollstation. Der Pass ist leider geschlossen, meint die Polizistin. Wie, warum, wann ist er wieder offen? Wegen schlechtem Wetter ist er erst morgen früh wieder geöffnet. Also heisst es für uns in dieser windigen Umgebung die Nacht zu verbringen. Sie ist so kalt, dass am Morgen wieder einmal alles gefroren ist, das Abwaschmittel und das Salatöl sind zäh und trüb und auch unserer Randulina war es trotz zugesetztem Winterdiesel zu kalt und es dauert Stunden bis sie sich im Normaltempo fahren lässt und uns über den Paso Jama, der sich auf 4840 Meter hinaufwindet – also eine Teerstrasse auf der Höhe des Montblanc – nach San Pedro de Atacama in Chile bringt. Der wenige Verkehr wird vorwiegend von Sattelschleppern aus Paraguay mit schlechten Pneus beherrscht. Sie transportieren Gebrauchtwagen über den Pass und sorgen ab und zu dafür, dass wir auf der eisigen Strasse einen Umweg fahren müssen. Wir fahren gerne Umwege, denn für uns ist der Weg das Ziel. Die Moais de Tara bilden einen schönen Gegensatz zur kahlen Gegend. Das Fotografieren gibt eiskalte Finger, die aber im Auto schnell wieder auftauen. Den grossen Umweg zum Salar de Tara lassen wir bleiben, die Piste ist zu wellblechig und in San Pedro de Atacama locken Sonne und Wärme und ein guter Kaffee.

Argentinischer Altiplano - Puna

20. Juni 2015

In Cafayate während einem Mittagessen kamen wir mit German und Jean-Claude ins Gespräch. Man tauscht sich aus, erfährt interessante Details was dazu führt, dass wir einen 800km langen Umweg unter die Räder nehmen. Der argentinische Altiplano, die Puna ruft uns.

Wir erwarten eigentlich, dass die kleine Ruta Provincial 43 eine staubige Streckenführung aufweist und sind positiv über deren teilweise Asphaltierung überrascht. Diese Reiseroute sucht man vergebens in der Reiseliteratur. Nach Villa Vil kommt der erste Höhepunkt, Sanddünen im Gebirge auf 3250müM. Keine Ahnung woher der Sand kommt, aber es wirkt surreal. Der Wind pfeift uns um die Ohren, Stefan ist nach dem Fotografieren sandgestrahlt. Die Sandflächen sahen wir übrigens schon vom Tal aus und meinten in Hualfin es sei Schnee. So kann man sich täuschen. Wir übernachten an der Laguna Blanca, 300 Flamingos stochern mit ihren Schnäbeln im Wasser herum. Aber um die Lagune ist es so feucht, dass wir schon bald einsinken, kalte Füsse haben wir schon, auf nasse sind wir nicht auch noch scharf. Am nächsten Morgen zweigen wir vor El Peñon auf eine Seitenstrasse in der Hoffnung, auf die riesige Fläche des Campo de Piedra zu kommen, Fehlalarm, stattdessen landen wir bei einer Hütte, deren Bewohner uns einen Poschtizettel mitgeben, den wir im Dorf im Haus neben der Kirche abgeben sollen. Elisa werde es dann richten. Jeder kenne Elisa. Im Dorf werden wir von der Polizei angehalten, wie so oft, die üblichen Fragen – woher und wohin geht es. Ich gebe ihm den Zettel ab, ja er werde ihn Elisa bringen. Und gerne zeigt er uns den Weg zum Vulcan Galán. Wir sollen uns aber am nächsten Tag wieder melden, es sei kalt und gefährlich und wir seien ja ganz allein. So schnell fällt uns das Herz nicht in die Hosen. Wir fahren los, begegnen einem Lastwagen und irgendwann fährt ein Motorrad hinter uns her. Reger Verkehr auf dieser einsamen Piste. Der Motorradfahrer heisst Raoul und begleitet uns auf seinem Land bis zur Laguna Grande, wo im Sommer tausende Flamingos brüten. Voller Stolz zeigt er uns, wo und was wir fotografieren sollen und deckt uns mit Koka Blättern ein. Ohne diese geht hier gar nichts. Wir nehmen sie dankend entgegen und ich braue abends einen Tee daraus, spüre aber keine Wirkung. Er ist richtig besorgt um uns und zeigt uns, wo wir übernachten sollen. Dann verlässt er uns und wir fotografieren, was uns gefällt. Wieder einmal Felsskulpturen. Sehen sie nicht aus wie Gaudís Architektur in Barcelona, Sagrada Familia denken wir spontan.

Wir übernachten auf 4200müM. Das Atmen wird mühsam, die Luft trocknet die Schleimhäute und Lippen aus. Kalt ist es nicht wirklich, der eisige Wind des Tages legt sich nach Sonnenuntergang. Trotzdem setzt Stefan dem Diesel noch etwas Winterdiesel zu, so sind wir sicher, dass wir morgens besser starten können.

Der Vulkan Galán besitzt eine riesige Caldera, eine Kiesebene in der die ca. 10km lange Laguna Diamante liegt. Wir fahren über den Kraterrand in diese Caldera hinein. Hier jauchzt das Fahrerherz, denn man kann problemlos und schlaglochfrei mit 90km/h auf 4600müM herumbrausen. Wir ganz allein. Nach 20km kehren wir um, fahren nach El Peñon zurück und melden uns auf dem Polizeiposten. Dem Polizist fällt ein Stein vom Herzen und er verabschiedet mich küssend.

Vor Antofagasta de la Sierra kommen dann Bilderbuchvulkane in Sicht. Schwarz und rot und teils meterhohe Lavafelder. Uralt und immer noch da. Gröbste Lavabrocken, spitz und scharfkantig, dann wieder Lavasteine die metallisch glänzen und tönen. Die Vulkane Alumbrera und Antofagasta üben einen besonderen Reiz aus. Wir besteigen und umrunden den Alumbrera. Geht wieder an die Lungen! Wir sind noch nicht im Tiefland. Alles befindet sich auf über 3000m. Im Dorf kaufen wir ein Pfund Lamafleisch vom Gigot, Kostenpunkt 3 Franken.

Dann eine Hochebene – die Spielwiese eines Riesen, Felszacken wie Bauklötze inmitten gelber Grasbüschel, Vicuñas grasen. Aussicht auf den Salar „Hombre Muerto“. Die weisse Salzebene blendet uns. Die darüberführende Strasse ist geschlossen, also umrunden wir den Salar, wir haben keine Lust das Auto auszuschaufeln, falls da noch nicht alles ausgetrocknet ist. Die Nacht verbringen wir wieder auf über 4000m. Allerdings wird es so kalt, dass wir selbst mit dem Winterdieselzusatz am Morgen Mühe haben, das Auto zu starten, um 10 Uhr zeigt das Thermometer immer noch minus 14 Grad an. Uns ist jeweils nicht kalt. Am Abend heizen wir tüchtig ein, schlüpfen zum Schlafen in unsere Daunenschlafsäcke, ziehen die Duvets drüber und versuchen zu schlafen. Bitterkalt wird es gegen Morgen.

Via Quebrada de Toro gelangen wir nach Salta und seit langem sehen wieder einmal Wolken.

ühren und Taxen bezahlt. Ein schwieriges Unterfangen, denn nur eine Bank kann die Transaktion vornehmen und wir sind zu spät, denn die Bank schliesst um 14 Uhr und anderntags ist Feiertag. Doch auch das erledigt Anna von der Schweiz aus für uns – Superservice, vielen Dank!

Und so landet am Freitag, 22. Mai unsere neue Kardanwelle in Antofagasta und eine Stunde später ist sie fachgerecht montiert. Nach vier Monaten und über 10‘000km hört unsere Randulina schlagartig auf zu singen. Wir sind glücklich und die Mechanikercrew der Garage auch, einerseits weil sie uns endlich los sind und andererseits wegen der Schweizer Schokolade, die sie als Geschenk erhalten.

Auf zu neuen Abenteuern!

Valles Calchaquíes-Rebkulturen auf über 2000müM

4. Juni 2015

Colomé, ein Weingut auf ca. 2300müM, das Reben bis auf knapp über 3000müM kultiviert. Das gibt es nur in Argentinien. Trauben, die auf dieser Höhe gedeihen und zu Wein gekeltert werden, sind ausgesprochen dunkel in der Farbe und von intensivem Aroma, dazu sehr alkoholreich. Was uns aber in Colomé besser gefallen hat als der Wein, war das Museum des Lichtkünstlers James Turrell. Donald Hess, der Schweizer Besitzer des Gutes erbaute hier in the Middle of the Nowhere ein Museum das seinesgleichen sucht. Der amerikanische Lichtkünstler Turrell konnte sich verwirklichen und tat es gekonnt. Begehbare Objekte, Räume gestaltet mit Kunst- und natürlichem Licht. Wir hätten stundenlang darin verweilen können, auch ohne Wein. Wir übernachten trotzdem von allem etwas benebelt in einem ausgetrockneten Bachbett. Gegen 23 Uhr funkelt es neben uns blau. Oh, je, die Polizei. Sie wollen wissen, ob es uns gut geht, ob alles in Ordnung sei, jemand hätte sie angerufen, damit sie nachsehen, weshalb wir hier stehen. Da wir hier inmitten des Nirgendwo sind, eine herzliche Geste. Mit freundlichen Worten und guten Wünschen für die Weiterreise verabschieden sich die Polizisten.

Ohne Museum, dafür mit vollmundigen Weinen brillierte anderntags das Weingut Tacuil mit seiner herrlichen Lage in einem geschützten Talkessel. Schon um 10 Uhr dürfen wir Wein direkt ab Tank degustieren. Gerne hätten wir eine oder zwei Flaschen des hervorragenden Malbec gekauft – einzig der Preis hielt uns davon ab. 40 Franken pro Flasche waren dann doch etwas viel für unser Budget. Aber der beste Wein überhaupt war an diesem und an vielen weiteren Tagen der Malbec der Bodega Humanao. Noch eine Degustation nur mit Frühstück im Bauch. Das war schon fast zu viel des Guten. Aber diesen Wein muss man probiert haben. 2 Flaschen Malbec 2011, absolut spitzenmässig, dazu noch 2 Flaschen Malbec Riserva 2010, diese Spitzenweine liessen wir uns nicht entgehen, zumal die Preise zahlbar waren und Stefan einen „Weinkeller“ für 24 Flaschen in unserer Randulina eingerichtet hat.

In Molinos, einem verschlafenen Örtchen mit einem Sternehotel mussten wir dann unserem Alkohol etwas Boden geben. Im Hotel „Hacienda de Molinos“ mit seinem schönen Innenhof gab es für uns was zu essen und was fanden wir auf der Menuliste mit Kostenpunkt 70 Schweizer Franken, den Malbec von Tacuil. Wir tranken dann mal Wasser. Prost!

Das Valle de Calchaquíes endet in Cafayate. In diesem hübschen Ort reiht sich Bodega an Bodega und der Campingplatz „Luz y Fuerza“ ist Treffpunkt aller Overlander. So treffen wir hier auf Deutsche, Holländer, Australier, Amerikaner und selbstverständlich auf Schweizer. Mit Nicole und Peter verbrachten wir einige wunderbare Tage, natürlich war das gemeinsame Degustieren des hiesigen Weines oberste Priorität. Die gemeinsame Zeit war kurz aber intensiv. Wir durften etwas länger in Cafayate verweilen, denn unsere Bremsbeläge hatten eine Auffrischung nötig. Bis die richtigen Bremsklötze eintrafen, radelten wir mit unseren Velos von Bodega zu Bodega. Aber anders als in Maipu, wo wir ja auch eine Bodegavelotour machten, ist es in Cafayate viel schöner. Die Weingüter sind schön gelegen, die Führungen intimer und ab und zu fühlen wir uns etwas in die Toscana versetzt. Herrliche Weine genossen wir in der Bodega Nanni, wo uns der Torrontés Tardís-eine Art Spätlese mit einem ausgeglichenen Säuregerüst gut mundete. Gut aufgehoben waren wir auf jeden Fall in der Bodega Domingo Molina. Bei Aussicht über das Tal, fast hundertjährige Reben im Blickfeld, genossen wir vollaromatische Weine. Uns gefiel der Blend Malbec mit Tannat.

Zu Wein gehört Käse und auch der fehlt in Cafayate nicht. Auf der Ziegenfarm begrüssten uns 500 Saanen Ziegen, Schweizer Ziegen deshalb, weil sie mehr Milch als andere Rassen geben. Wie ihr sicher spürt, ist unser Kühlschrank voll und wir leben gern mit Wein und Käse.

Von Menschen auf der Ruta de los Artesanos bei Seclantás

31. Mai 2015

Vom Paso Jama herkommend sind wir in Susques einem kleinen Kaff auf die Ruta 40 – die Ruta Quarenta, die längste Strasse der Welt, abgebogen. Ein immenses Hochplateau, Canyonlandschaften, farbige Felsen und enge Schluchten, einer der schönsten Abschnitte der Ruta 40, allerdings nur für 4x4 Vehikel, da durchgehend gröbste Schotterpiste mit Bachquerungen. Der nächste Höhepunkt ist der Viaducto de la Polvorilla, die Endstation des „Tren a las Nubes“  (der Zug zu den Wolken). Ein gigantisches Bauwerk im Stil von Gustave Eiffel.

Kurz vor San Antonio de los Cobres finden wir einen eisigen Schlafplatz. Alles was gefrieren kann gefriert in dieser Nacht. Um 10 Uhr morgens zeigt das Thermometer immer noch -5 Grad. Und nun wird es spannend. Über den höchsten Pass Argentiniens, den Paso Abra del Acay 4895müM, führt die Ruta 40 ins Valle Calchaquies. Im Aufstieg weiche Hügel mit grasenden Vicuñas, in der Abfahrt wird es extrem steil und spektaktulär, eisige Bäche, Kandelaberkakteen bereits auf 3500müM, grasende Lamas und Vicuñas sind unsere Begleiter. In La Poma kehren wir ein und essen wunderbare frische Forellen. Das ist der Unterschied zur chilenischen Seite. Viel mehr Esskultur. Wir erfrieren fast im Restaurant aus Adobe, aus Lehmziegeln, aber der Forellenhalt hat sich gelohnt. Der Wirt ist freundlich, die anderen Gäste werden wir später nochmals im „Parque National Los Cardones“ treffen, wo sie uns ein wunderbares Restaurant in Cachi empfehlen. Im Parque National bewundern wir Überreste der alten Inkastrasse, ähnlich der Römerstrasse über den Septimerpass. Eine Abkürzung, schlimmste Wellblechpiste, führt uns vom lieblichen Nationalpark durch farbige Sandsteinfelsen direkt nach Cachi, einem herzigen Ort. Belohnt werden wir auf der Piste mit einzigartiger Landschaft, skurrilen Kakteen, Adobehäusern mit schönen Veranden und mit Cachi selbst. Im empfohlenen Restaurant „Viracocha“ feiern wir unsere Fahrt mit Humita, einer Art Polenta im Maisblatt gekocht und exquisitem Ziegenfleischeintopf. Der Campingplatz ist perfekt und mit quietschsauberen Duschen versehen. Wir bleiben noch einen Tag, geniessen die Wärme Cachis und nochmals ein feines Abendessen im Restaurant.

Weiter geht’s der Handwerkerstrasse – Ruta de los Artesanos entlang, nach Seclantás. Was wir sehen ist tiefstes Mittelalter. Vor den Häusern aus Lehmziegeln stehen einfachste Webstühle. Männer und Frauen weben aus Schaf- und Lamawolle wunderbar feine Stoffe aus denen weiche Ponchos, Schals, Gauchogürtel und vieles mehr hergestellt wird. Sie erklären uns umsichtig die Arbeitsweise und die teilweise uralten Muster. Das Weberhandwerk und die Muster werden in der Familie seit Generationen weitergegeben. Die Kinder helfen vor und nach der Schule mit und haben ihre eigenen Webstühle und fertigen ihre eigenen Webereien an, z.B. Bänder aus denen die schönen Gürtel der Gauchos hergestellt werden. Die Wolle wird von Schaf- und Lamahirten zugekauft, ist meist naturbelassen, pflanzen- oder auch anillingefärbt. Voller Stolz erzählt mir Weberin Marcela, dass ihre Tochter an einer angesehenen Universität in Buenos Aires studiere – ein Zusammenprall von Welten, der für die Schulen in diesen abgelegenen Orten spricht.

Adobehäuser in Cachi haben neben der typischen Veranda auch schöne Innenhöfe, denn eine Familie hat mehrere Häuser, die ein Atrium bilden. In diesem Innenhof spielt sich das Leben ab. Ausserhalb des Hauses steht der typische Ofen aus Lehm. Beim Fotografieren sehe ich eine junge Frau am Ausrollen von Teig. Ich gehe zu ihr und sie erklärt mir, dass sie Empanadas mache. Sie schenkt mir welche und es sind die Besten, die wir je gegessen haben.

Von der Ruta de los Artesanos ist es nicht mehr weit zur Ruta del Vino, der Weinstrasse. Doch davor übernachten wir an der Laguna Brealito. Da besuchen uns doch am Abend 3 Lausbuben auf dem Velo und versuchen von uns einen Eintritt zur Lagune zu erbetteln. Mein Spanisch ist diesbezüglich ziemlich beschränkt und so radeln die 4.-6. Klässler ohne Batzen wieder davon.

Wir trinken unseren feinen Wein, ich eingekuschelt in einen heute erstandenen Lamaponcho, denn sobald die Sonne untergeht wird es bitterkalt. 

Geschichte einer Kardanwelle

20. Mai 2015

Es war einmal vor langer, langer Zeit im Parque Nacional Torres del Paine, es war etwa Mitte Januar 2015. In diesem wunderschönen Park am südlichsten Zipfel von Chile hat es herrliche Berge, grosse Seen in den verschiedensten Farben, strenge Wanderwege aber ganz schlechte Strassen. Irgendwann auf den endlosen Ripio Pisten (zu Deutsch Wellblechpisten) fängt unsere Randulina ganz zart an zu quietschen. Wir messen dem vorerst keine allzugrosse Bedeutung zu und denken, dass unser Fahrgestell einfach etwas zu viel Staub schlucken muss.

Auf der Weiterfahrt Richtung El Calafate in Argentinien wird das Quietschen immer lauter und der dauernde Gesang unserer Randulina belastet unser Gehör soweit, dass wir beschliessen im letzten grösseren Ort für lange Zeit, einen Autodoktor aufzusuchen. Ein hilfsbereiter Argentinier in einer Gomeria (Pneuwerkstatt) führt uns zu seiner Werkstatt. Hier kümmern sich drei Arbeiter trotz Feierabend wohlwollend um das Geräusch, demontieren alle Räder, da auf den vielen Schotterstrassen oftmals Sand und Steine zwischen Räder und Bremsen geraten können. Alles wieder montiert, singt unser nsere Helfer. Aber da seien sie nicht die Richtigen. Wir erhalten die Adresse einer Lubrificacion (Oelwechselwerkstatt), da die aber mittlerweile Feierabend hat, wird die Aktion auf morgen vertagt. Nein, nein, ist der Befund, mit dem Oel sei allLand Rover nach wie vor. Ja, dann müsse das am mangelnden Oel in den Achsen liegen, meinen ues in Ordnung. Aber vielleicht liege es am Differenzial! Aber an dieses Teil traut sich keiner ran. Was nun?

Per Zufall sehen wir in einem Tourist-Adventure-Laden ein Angebot für Offroad-Touren mit Land Rovern. Also ist unsere Schlussfolgerung, deren Fahrzeuge müssen auch gewartet werden. Wir gehen mit unsrem ungewöhnlichen Anliegen in den Laden, wo die Verkäuferin ein langes Gesicht macht. Sie telefoniert aber mit ihrem Chef und kommt strahlend zurück mit der Lösung unseres Problems. Einmal im Jahr, am Ende der Saison, lassen sie einen Mechaniker aus Buenos Aires einfliegen und wir könnten unser Auto dann auch bringen. Da das Ende der Saison aber noch lange nicht in Sicht ist, haben wir immer noch eine quietschende Schwalbe. Noch ein letzter Anlauf in El Calafate bei einem Allround-Mechaniker. Er macht zwei Probefahrten mit uns, teilt uns mit, dass das Geräusch ja nur gering sei und jeder Land Rover Geräusche mache. Es sei jedenfalls nichts Gravierendes und wir könnten ohne Sorgen weiterfahren.

Das machen wir wohl oder übel auch. Mit jeden tausend Kilometern auf gröbsten Schotterstrassen und abenteuerlichen Pisten jodelt unser Auto in einer zusätzlichen Tonlage und zunehmend lauter. Wir oelen, fetten und schmieren, aber alles hilft nur für kurze Zeit. Aber nichts desto Trotz lässt uns unser fahrendes Heim nie im Stich und kraxelt zwar protestierend aber ohne Widerspruch die steilsten Pässe hinauf. Zwischendurch versuchen wir es mit einer gründlichen Unterbodenwäsche, aber jetzt kommen die Töne einfach etwas klarer und reiner als im staubigen Zustand.

In den Wüstengebieten im Norden Chiles, wo uns die Pisten des Öfteren auf weit über 4000m hinaufführen, kommt zum Quietschen und Singen noch ein rumpelndes Rasseln dazu. So kann es nicht mehr weitergehen. In Antofagasta, der zweitgrössten Stadt Chiles, finden wir eine Land Rover Vertretung. Hier kümmern sich sofort drei Mechaniker um die Ursache des Geräusches, das mittlerweile unschwer erkennbar von der Kardanwelle ausgeht. Das Kreuzgelenk sei defekt befinden sie. Ein Ersatz sei aber nur in Santiago (1500km südlich) vorhanden. Wenn sie das Teil kommen lassen, müssen wir das Ersatzteil plus die Versandkosten so oder so bezahlen. Sie sind nämlich nicht sicher, ob es dann auch wirklich passen würde. Um sicher zu gehen, dass mindestens die Geräuschursache eindeutig ist, lassen wir die Kardanwelle ausbauen. Kaum ist die Welle draussen, ist die einstimmige Meinung, dass nicht das Kreuzgelenk, sondern das Doppelkreuzgelenk kaputt sei. Da müsse die Kardanwelle ausgewechselt werden und in Santiago gibt es nur eine zu kleine und zu schwache Version. Der Servicechef meint, dass es einen bis zwei Monate dauern würde, wenn sie eine entsprechende Kardanwelle in England bestellen würden. Das wird ja immer besser!

Wir kabeln mit unserer Garage Overlandtechnics in Dürnten. Kein Problem, meint Werkstattchefin Anna, ich schicke euch morgen das neue Teil per DHL Express. Anderntags erfahren wir, dass das Paket bereits unterwegs ist und in 5 Tagen in Antofagasta sein sollte. Nun staunen die Leute der Garage in Antofagasta!

Tatsächlich ist das Paket nach einer Reise von Dürnten via Basel – Leipzig – Madrid bereits drei Tage später in Santiago. Ab hier wird es wieder etwas gemütlicher. Unsere Lieferung bleibt vorerst drei Tage liegen. Dank der Nachfrage von Anna aus der Schweiz stellt sich heraus, dass das Paket erst weitertransportiert wird, wenn jemand die fälligen Gebühren und Taxen bezahlt. Ein schwieriges Unterfangen, denn nur eine Bank kann die Transaktion vornehmen und wir sind zu spät, denn die Bank schliesst um 14 Uhr und anderntags ist Feiertag. Doch auch das erledigt Anna von der Schweiz aus für uns – Superservice, vielen Dank!

Und so landet am Freitag, 22. Mai unsere neue Kardanwelle in Antofagasta und eine Stunde später ist sie fachgerecht montiert. Nach vier Monaten und über 10‘000km hört unsere Randulina schlagartig auf zu singen. Wir sind glücklich und die Mechanikercrew der Garage auch, einerseits weil sie uns endlich los sind und andererseits wegen der Schweizer Schokolade, die sie als Geschenk erhalten.

Auf zu neuen Abenteuern!

San Pedro de Atacama und Altiplano

18. Mai 2015

Beim Reisen auf dem Altiplano, der südamerikanischen Hochebene bewegt man sich meist auf über 4000müM. Der Hochebene wird geprägt von trockenen heissen Tagen, bitterkalten Nächten und traumhafter, spektakulärer Natur. Wir besuchten ab San Pedro de Atacama die Thermen von Puritama auf 3850müM und das Geysirfeld El Tatio auf 4300müM. Die Besteigung des aktiven Vulkans Lascar (5600müM) steht für einen späteren Zeitpunkt auf unserem Wunschzettel. In San Pedro de Atacama haben wir uns zuerst an die Höhe akklimatisiert. San Pedro liegt zwar nur auf einer Höhe von 2438 müM aber es ist eine herzige kleine Stadt mit etwa 5000 Einwohnern und es gibt einiges zu unternehmen. Ganz aussergewöhnlich sind das Valle de la Muerte und das Valle de la Luna. Beides sind mondähnliche Landschaften mit Sanddünen, bizarren Felsformationen, engen Canyons und atemberaubenden Aussichten. Ausgetrocknete Salzseen verleihen dem ganzen noch einen speziellen „Wintereffekt“. In der Lagune Chaxa, mitten im Salar de Atacama, brüten und leben 3 Arten Flamingos und in der Lagune Cejar kann man sich auf dem eiskalten Wasser treiben lassen wie im Toten Meer. Die Lagune ist hoch gesättigt mit Salz. Das Süsswasser, wieder einmal von einem Rio Grande, kommt aus den nahen Kordilleren und wird seit Urzeiten in Kanälen in die Dörfer geleitet, ist der Boden bewässert, ist er äusserst fruchtbar und die Lebensbedingungen erscheinen einem unter den Schatten spendenden Tamarugal Bäumen nicht mehr so hart.

Wir fahren immer höher. Zum Glück haben wir einen Turbolader, das ist jenes Teil an unserer Randulina, das uns in der Höhe bei der Verbrennung hilft. Sie spürt die Höhe nicht, wir schon, bei jedem Aussteigen und Fotografieren spürt man den stärker werdenden Druck auf dem Brustkorb. Es geht alles nur langsam. So sind wir erstaunt, dass Stefan die flinken Vizcachas fotografieren kann. Bei den Vicuñas war das noch kein Problem und bei den ersten Lamaherden im „Tal“ auch nicht. Kakteen, gelbleuchtende Grasbüschel, Coirón Gras sowie eine Perlenkette von Vulkanen begleiten uns. Der perfekteste ist der Licancabur und der interessanteste der Putana. Beide über 5800 Meter hoch. Der Putana ist aktiv, wir sehen seinen schwefelgelben Schlot und seine Fumarolen. Die Vulkane markieren die Grenze zu Bolivien. Wiederum eine schöne Abwechslung boten die Termas de Puritama. Eingebettet in die Schlucht des Rio Grande sind verschiedene Becken mit Wassertemperaturen um die 33 Grad. Wir geniessen das Bad auf über 3800müM.

Und dann kommen wir am späten Nachmittag beim Geysirfeld an. Es ist bitterkalt, aber die Stimmung ist perfekt und wir mausbeinallein. Trotz klammer Finger und eiskalten Zehen fotografieren wir und saugen die Stimmung während fast 2 Stunden in uns auf. Farbgewaltig. Im Reiseführer steht, die beste Zeit wäre am Morgen zwischen 6 und 7 Uhr. Finden wir gar nicht! Am Morgen ist wegen der Kälte zwar mehr Dampf zu sehen, aber die ganze Farbpalette fehlt. Überall blubbert, kocht und dampft es. Nur wir sind kurz vor dem Erfrieren. Wir kochen, heizen und essen und nehmen wieder einmal die Daunenschlafsäcke hervor. Herrlich warm bis am Morgen. Aber auf dieser Höhe von gutem Schlaf zu sprechen wäre leicht übertrieben. Wir haben auch keine Mühe aufzustehen als der Wecker klingelt, nur unsere Randulina hat etwas Probleme mit dem Start, aber sie schlägt sich tapfer auf dieser kalten Höhe. 15 Grad unter Null ist auf 4300müM nicht ganz ohne. Unzählige Tourbusse aus San Pedro de Atacama sind da. Wir werden von einem Führer zum Zmorge eingeladen – LandRover halten zusammen. Gegen 10 Uhr sind die meisten weg und wir wagen uns in das warme Planschbecken. Die Sonne brennt bereits heiss und es braucht jetzt nicht mehr so viel Überwindung, sich in die Badehosen zu stürzen.

Tang, Kupfer, Salpeter und Lithium

15. Mai 2015

Schon auf Chiloé, der Insel vor Puerto Montt in Südchile sind uns Tangfischer aufgefallen, nun begegnen wir ihnen auch hier wieder, in Nordchile auf der Strecke zwischen Taltal und der Caleta El Cobre. Als erstes fallen uns ihre Hütten auf, zusammengezimmert aus Wellblech, Span- und Holzplatten, meist eine Chilefahne auf dem Dach und eine kleine Satelitenschüssel, dazu einige Tanks mit Trinkwasser. Vor der Hütte steht meist ein altersschwacher Pickup. Um die Hütten herum fallen uns die schön ausgelegten Tang- und Algenstränge auf. Sie trocknen in der heissen Sonne, werden dann zu einem Ballen zusammengeschnürt und von Lastwagen abgeholt. Ich gehe zu einer Hütte, ein zahnloser Alter kommt auf mich zu und begrüsst mich freundlich. Er erklärt und zeigt mir, wie sie mit einem langen Haken die angespülten Algen zwischen den Felsen aus dem Meer reissen und dann zum Trocknen auslegen. Er lädt mich in seine Hütte ein, wo 5 Männer entweder am Kochen, Fernsehen oder Haushalten sind. Wäsche flattert im Wind. Die Hütte ist sauber und ordentlich. Ein jüngerer erklärt mir dann, dass die Algenpreise vor 3 Jahren sehr hoch waren, heuer ist der Preis zusammengefallen uns sie bekämen fast nichts mehr. Sie wohnen einige Wochen hier, dann gehen sie wieder zurück in ihre Dörfer und kommen wieder zurück. Wer denn die Algen kaufe und was man damit mache, will ich wissen. Käufer sei vor allem Japan und die stellten von Kosmetikartikel, Waschpulver bis hin zu Plastik vielerlei her, und dann kann man die Algen ja auch noch essen.

Ganz anders bei El Cobre, einige Kilometer weiter nördlich steht eine alte verlassene Kupfermine. Grüne Steine zeugen vom Kupfergehalt. Chiles Reichtum ist auf Kupfer gebaut. Steil bergauf führt die Strasse und wieder hinunter nach Antofagasta. Von da durch die Atacamawüste nach Calama. Nichts als Stein und Sand, kein Leben. Auf der Eisenbahnlinie wird vor allem Kupfer und Schwefelsäure transportiert. An einer Tankstelle wollen wir nebst Diesel auch Wasser tanken. Man rät uns ab, das Wasser in der Toilette fliesst gelb – arsenhaltig – verseucht von den grossen Minen, die mit viel Wasser und mit chemischen Prozessen Kupfer und andere wertvolle Metalle aus dem Gestein lösen. Während die einen mit primitivsten Werkzeugen im Meer herumfischen, wird hier in der grössten offenen Kupfermine der Welt, in Chuquicamata mit der grossen Kelle angerührt. Lastwagen, die 5000 l fassende Dieseltanks und 4m hohe Reifen, 390 Tonnen Gestein in ihrem Kipper laden können, sehen in der 3km breiten und 5km langen und 1.2km tiefen Grube aus wie Spielzeuge. Von Nachhaltigkeit wird hier nichts gesagt, ausser, dass man das Wasser heute 8x wiederverwendet. Aber auch ich könnte diesen Bericht nicht ohne diese Mine schreiben, ohne Kupfer würde mein Computer nicht funktionieren und Fotos gäbs auch keine. Elektronik ist zum grossen Teil von Chiles Bodenschätzen abhängig. Die ungesunde Staubfahne und das Wasserproblem zwang die Minengesellschaft, die Bewohner von Chuquicamata nach Calama überzusiedeln. Eine Geisterstadt entstand. Doch Geisterstädte gibt es viele in den Minengebieten. Eine der schönsten für uns war Pedro de Valdivia in der Nähe von María Elena. Pedro de Valdivia, 1200müM wurde 1931 zum Abbau von Salpeter gegründet. 1990 wurde die Stadt zur Geisterstadt. Die Mine ist noch in Betrieb aber über der Stadt herrscht buchstäblich Totenstille und eine dicke Staubschickt deckt alles zu. Nicht ein einziger Hund, kein Vogel, kein Insekt, die Hitze der Atacamawüste ist unerbittlich, Leben schier unmöglich. Welch eine Plackerei musste das in den Anfängen der Minenindustrie gewesen sein? Damals gab es noch keine grossen Lastwagen, mit Bohrer, Schaufeln und Garretten wurde das Erdreich umgegraben, das Salpeter herausgelöst und die übrige Erde wieder ausgekippt. Eine Landschaft, die aussieht, als hätten tausende von Maulwürfen ihre Hügel aufgehäufelt, eine Landschaft von Menschenhand geschaffen.

Heute wird ein weiterer chilenischer Rohstoff immer bedeutender. Im Salar de Atacama liegen zwei Fünftel der Weltvorräte an Lithium. Vor allem in elektronischen Geräten und Batterien ist Lithium ein immer gefragteres Material. Kein Wunder also, dass auch im Salar eine grosse Gesellschaft, die Sociedad de Quimica y Minera de Chile (SQM) aktiv ist. Es bleibt zu hoffen, dass dies zumindest so umweltverträglich gemacht wird, dass die heute noch grossen Flamingopopulationen überleben können, doch davon im nächsten Bericht mehr.

Eiskalte Nächte und warme Quellen

April 2015

Ich sitze hoch über der Pazifikküste. Schwarze Pelikane ruhen sich auf den Felsen aus und eine Schule Delphine ist eben elegant durch die Wellen gesprungen. Faszinierend, wie gegensätzlich dieses schmale Land ist. Gestern haben wir gefroren und heute schwitzen wir.
Wir befinden uns in Taltal, einem kleinen Städtchen, welches seine Blüte zur Zeit des Salpeterabbaus hatte. Die Fahrt hierher war abenteuerlich und farbenfroh, aber auch geprägt von den Unwettern, welche ganze Dörfer mit Wasser und Erdmassen zudeckten. Normalerweise regnet es hier 1-2 Stunden pro Jahr. Im März hat es eine Nacht plus einen Tag geregnet. Zuviel für den trockenen Boden. Was wir sehen ist nicht immer schön und bestimmt auch unseren Routenverlauf. Wir wollen über den Paso San Francisco nach Argentinien und fahren deshalb nach Copiapó, welches nach den heftigen Gewittern im März übel ausschaut.
Die Passstrasse führt angenehm bergauf. Wir übernachten auf 2200müM um anderntags zur Laguna Santa Rosa auf weit über 3000müM zu gelangen. Wir wandern der Lagune entlang und erfreuen uns am einzigen Flamingo, der den Weg nach Norden verschlafen hat und an vier neugierigen Füchsen. Die Laguna del Negro Francisco ist bereits schneebedeckt und die Strasse dahin geschlossen. In der grossen Gold-und Kupfermine meinen die Securities, dass schlechtes Wetter im Anzug sei und wir besser nicht nach Argentinien fahren sollten, weil der Pass vereist sei. Also fahren wir zur Grenzstation, aber die ist wegen Winterbetrieb eingestellt. Die dortigen Securities bieten uns ihr Refugio an. Aber als sie unser Auto von innen sehen, erkennen sie sehr schnell, dass wir mehr Luxus haben, als das Refugio bieten kann. Seit den Gewittern haben sie nämlich weder Strom noch Wasser und auch die Mine arbeitet nur noch zu 25%. Die unheilvollen Schlechtwetterwolken verziehen sich am Abend und der Himmel brennt über dem Salar Maricunga und wir suchen im Laufschritt (geht bei dieser Höhe ziemlich an die Lungen) die besten Fotopositionen, weil auch grad noch der Mond aufgeht. Nach der eiskalten Nacht tuckern wir auf bester Erdstrasse nach La Ola. Hier in der Nähe müsste eine warme Quelle sein – die Termas de Rio Negro.
In der Nähe heisst: 15km gute Schotterpiste einer Minengesellschaft plus noch 15 spektakuläre Kilometer durch eisige Bäche, durch enge Felsklusen, Sanddünen hoch und über Schotterwege bergauf. Dieser Ritt ist wirklich nur mit einem Allrad und absoluter Bodenfreiheit möglich. Meine Nerven liegen oft blank, wir befinden uns immer auf etwas über 4000müM. Aber es hat sich mehr als gelohnt hierher zu fahren. Umgeben von schneebedeckten Bergen in der Kategorie 5000müM hat sich irgendwer die Mühe gemacht, diese kleine heisse Quelle zu fassen, mit Steinen einen Pool zu bauen, 2 kleine Hütten zum Umziehen zu erstellen und sogar ein Gästebuch hierher zu bringen. Eine Idylle und wir mal wieder porentief rein. Übernachten wollen wir dann etwas tiefer, aber auch auf 3850müM ist es nicht wirklich wärmer, obwohl schönstes Wetter herrscht. Ein eisiger Wind pfeift uns um die Ohren und wir verziehen uns in unsere Kabine und kochen Tee. Heute nehmen wir die Daunenschlafsäcke hervor, nur allein mit den Schafwollduvets würden wir wohl fast erfrieren. Am anderen Morgen kommt jedenfalls kein Wasser aus unserem Wasserhahn – eingefroren! Also heizen und nochmals in den Schlafsack.
Vorbei am Salar de Pedernales und über das Portal del Inca gelangen wir nach El Salvador, einer Minenstadt. Die Fahrt ist eine der farbigsten überhaupt. Stellt euch Hügel vor, über die der Liebe Gott lila, violette, gelbe, grüne, beige und braune Farbtöpfe ausgeleert hat und ein Engelchen welches das ganze Werk noch mit der Marmoriertechnik verschönerte. Surreal. Dass hier die Mineure aktiv sind versteht sich von selbst, manchmal riecht man die Metalle fast.

Vom Wein zu den gebrannten Wassern

April 2015

Via Santiago, Chiles Hauptstadt mit ca. 6 Millionen Einwohnern, fahren wir nach Norden. Teilweise der Küste entlang, dann ab Illapel im Landesinnern. Hier gefällt es uns besser, denn hier treibt sich kein Küstennebel herum. Der hat allerdings auch sein Gutes. Er hält die Staubpartikel der Luft fest und im Inland ist die Luft klar, rein und sehr trocken wie sonst nirgends auf der Welt. Nicht umsonst stehen hier die meisten Observatorien weltweit, finanziert und betrieben von Europa und Amerika. Chile hat das Klima.
Chile hat aber auch das Klima für viel anderes, zum Beispiel gedeihen nebst unzähligen Kakteen auch exquisite Trauben. Dafür ist das Valle de Elquí bekannt. Pisco ist das Nationalgetränk, deswegen führten die Chilenen mit den Peruanern sogar Krieg. Peru brennt ebenfalls Pisco und beansprucht die Rechte für sich. Nun, wie dem so ist, der findige Präsident Videla taufte das kleine Dorf La Union in Pisco Elquí um, so konnten aus den Trauben des Tals ein Schnaps namens Pisco gebrannt werden. Anders als beim Grappa oder Marc wird hier nicht der Trester gebrannt, sondern der Traubensaft. Je nach Sorte wird er über kürzer oder länger im Eichenfass gelagert und unterscheidet sich so vom peruanischen Pisco. Es gibt wunderbar feine Erzeugnisse, die pur als Apéro oder Digestiv getrunken werden. Weitaus üblicher ist aber der Pisco Sour.


Hier gleich das Rezept, ideal für die nächste Sommerparty:

   3 dl Pisco (klar – 35%) aus dem Tiefkühlfach
   2dl Limettensaft
   1dl Puderzucker
   2 Eiweiss

Pisco und Puderzucker mixen, Limettensaft und Eiweiss dazugeben und nochmals mixen/schütteln bis sich ein feiner Schaum bildet. In Sektgläser abfüllen und geniessen.


Die Sonne scheint hier so heiss, dass wir uns zum Apéro gerne ein Glas gönnen.
Wir haben uns aber gefragt, ob aus allen Trauben, die hier geerntet werden, Schnaps gebrannt wird, das wäre eine enorme Menge. Nein, Pisco wird nur aus 20% der Traubensorten Moscatel de Alejandría, Moscatel Rosa und Pedro Ximénez gebrannt, die restlichen 80% ergeben Tafeltrauben oder werden an der Sonne zu feinsten Sultaninen getrocknet.
Noch haben sich keine grossen Konzerne die Rechte der Piscoherstellung unter den Nagel gerissen. Die Produktion wird von der Kooperative Capel oder kleinen handwerklich arbeitenden Pisquerias wie Los Nichos oder Mistral oder weiteren geführt. Praktisch die gesamte Piscomenge wird im Land selber konsumiert, etwas Export geht nach Nordamerika, China und nur ganz wenig nach Europa. Mixen wir uns daheim den Pisco eben mit einem klaren Grappa. Salud!

Hohe Andenpässe

Maerz 2015

Nach unserem Weingelage mussten wir doch noch weiter fahren, als wir dachten, bis wir einen Übernachtungsplatz fanden. Aber die freundlichen Parkranger vom Reserva Natural Villavicencio, wo das feine Mineralwasser abgefüllt wird, erlaubten uns, auf dem Parkplatz zu schlafen.
Das Aufstellen eines Zeltes ist oftmals nicht erlaubt, aber mit dem Auto ist das kein Problem, denn wir campieren nicht, sondern wir parkieren.
Aber als wir am Morgen aufwachten, trauten wir unseren Augen nicht, feiner Nieselregen und ein Nebel so dick wie Watte, hüllte alles ein. Nur schnell weg, hier ist definitiv kein Platz zum Zmörgele.
Im dicksten Nebel und ohne was zu sehen fuhren wir im Konvoi die steile und rumplige Passstrasse hinauf. Erst beim Cruz de Paramillo, der Passhöhe, hellte es auf. Bei einer stillgelegten Erzmine fanden wir einen sonnigen und warmen Platz für das wohlverdiente Frühstücksei.
Die Landschaft wurde mit jedem Kilometer eindrücklicher, farbenreicher und hinter jeder Kurve intensiver. Usballata, ein Kaff im Nirgendwo erlebte die Blütezeit während den Dreharbeiten zum Film „Sieben Jahre in Tibet“ mit Brad Pitt. Im legendären Café Tibet waren wir vor allem auf’s wlan scharf, sonst müsste man da nicht hin. Die Siesta dauerte bis um halb sechs, aber wirklich Leben kam auch dann nicht auf.
Wir übernachteten herrlich in einem Bachbett bei Usballata und feierten den Geburtstag von Andreas mit feinem Znacht, Wein und Apfelkuchen. Julia ist mittlerweile eine geübte Bäckerin mit dem Omnia Backofen und Frizzi Weltmeisterin im Teigschlecken.
Dann grosse Verabschiedung vom Wicked-camper Team Melanie, Sven und Jonathan, deren Ferien bald enden. Es war schön, euch zu treffen und mit euch zu reisen.
Die heutige Fahrt stellte wieder alles Bisherige in den Schatten. Zuerst die Puente del Inca, mit dem alten stillgelegten Bäderhotel. Eine natürliche Steinbrücke spannt sich über den Fluss. Das stark mineralhaltige Thermalwasser verzaubert uns mit seinen Ablagerungen und seinen Farben.
Ein grosses modernes Zollgebäude zeigt uns, dass wir uns im Grenzbereich Argentinien-Chile befinden. Doch für uns, befindet sich der Grenzübergang erst in etwa 70km. Wir haben noch den höchsten Berg Südamerikas, den Aconcagua mit seinen 6962müM vor uns. Mit seiner Wand und dem 300m dicken Gletschern ist er als „Dach Amerikas“ oder als „steinerner Wächter“ sehr imposant und der „Cementerio de los Andinistas“ zeugt davon, dass er seinen Tribut fordert.
Uns gefallen die farbigen Berge aber um einiges mehr, als der hohe Klotz und die Fahrer jauchzen, als sie die Passstrasse sehen, die sie zum Grenzgipfel Cristo Redentor fahren dürfen. Uns Frauen werden grosszügig die Fotoapparate überlassen. Da lassen wir dann mal Bilder sprechen. Es war schaurig schön als das GPS 3838müM anzeigte und wir diese Höhe mit unseren Autos so spielend schafften. Ein Blick nach unten lässt einem Schaudern. Eine steile Schotterpiste deren Ende nicht abzusehen ist, führt auf der chilenischen Seite wieder hinunter. Irgendwann sind es dann asphaltierte Haarnadelkurven bis zum Grenzübertritt nach Chile. Der verläuft ruhig und mit ausserordentlich freundlichen und hilfsbereiten Grenzbeamten.
Einzig die Suche nach einem Übernachtungsplatz wird schwierig. Das Gebiet ist noch enger als die Leventina, steil und dicht besiedelt. Doch dank freundlichen Menschen, der Untersetzung sowie der Differenzialsperre werden wir auch hier fündig. Absolut ruhig, mit Aussicht und einem klaren Sternenhimmel. Unterm „Kreuz des Südens“ und „Orion“ schlafen wir mit unseren vielen Eindrücken ein.

Mit dem Velo von Weingut zu Weingut

Maerz 2015


In Maipú haben wir uns wieder mit unseren lieben Freunden getroffen, die bereits nach einem Campingplatz Ausschau gehalten und sich über das Weingebiet informiert hatten.
Der Camping war super schön, mitten in den Reben und ruhig gelegen, sogar mit Swimmingpool. Der war aber stark vergittert und wir durften ihn nicht benützen, weil der Lebensretter nur sonntags arbeitet. Mein Bitten mit Hinweis auf mein Lebensretterbrevet wurde nicht erhört. Unsere Männer sind eben keine Hasselhoffs und ich keine Pamela. So blieb uns nur die Dusche.
Anderntags setzten wir also unsere eigenen Velo zusammen und flugs ging es zur Velovermietung. Bald hatten alle anderen ein oranges Rad unter dem Fudi und wir konnten losfahren. Aber das hatte seine Tücken, Julia hatte schon nach 100 Metern einen Platten – umkehren und neues Velo fassen, nach 200 Metern riss das Bremskabel von Andreas - umkehren und neues Velo fassen, nach 300 Metern bemerkte Sven sein defektes Schaltkabel - umkehren und neues Velo fassen, nach 400 Metern verloren wir Sven und Melanie mit Klein Jonathan, der sich in seinem Anhänger pudelwohl fühlte.
Die erste Bodega war ernüchternd, mehr Industriewein und die Führung eher Touristenabfertigung.
Da uns nach unseren morgendlichen Erlebnissen der Hunger plagte, liessen wir die nächsten Bodegas aus und fuhren in der Mittagshitze zur Olivenöldegustation mit kleinem Imbiss. Wir erfuhren viel Neues und Wissenswertes. So zum Beispiel, dass es auch in Argentinien Oliven gab bevor die Spanier und Italiener diese einführten und kultivierten. Ein ganz delikates Olivenöl wird aus der autochtonen Sorte Arauco gepresst. Die nette Señora beantwortete geduldig alle unsere Fragen und verwöhnte uns im lauschigen Garten.
Die dritte Winery hatte wegen eines internen Grossanlasses geschlossen und nun hiess es in die Pedalen treten damit es uns noch vor Schalterschluss zu unserer letzten Weindegustation reichte. Das wunderschöne alte Gebäude der friaulischen Familie Di Tommaso versprach nicht zu viel. Eine Weinführung, die bei den Reben begann, dann die Führung durch den Keller und zuletzt die Verkostung der Weine. Das Gruppenbild mit Velo haben wir auch im Kasten und es kann wieder losgehen. Wir geniessen Polizeischutz, anfänglich eher eigenartig, wenn ein Polizeiauto die ganze Zeit hinter einem herfährt, wir nahmen es gelassen, denn zu 8 und mit Baby im Kinderanhänger wären wir wohl auch in den eher ärmeren Quartieren nicht in der Opferrolle gewesen.
Eher gewöhnungsbedürftig sind die Velostreifen. Da heisst es aufpassen, denn vom Gartenabschnitt zu Kehrrichtsäcken, Abbruchmaterialien und parkierten Autos, streunenden Hunden, Löchern und Gullis mit Rillendeckel in Fahrtrichtung findet man alles und noch viel mehr.
Beim Abendessen merkten wir dann, dass wir vergessen hatten, den einen oder anderen guten Tropfen einzukaufen, also waren wir ganz froh, als Melanie ihren chilenischen Wein offerierte. (Psst... nicht weitersagen, dass wir in Argentinien chilenischen Wein tranken, dabei hätten wir doch Jonathans Gefährt mit Wein füllen wollen).
Anderntags fuhren wir dann auf das Schweizer Weingut „Ojo de Agua“, wo wir als einzige Gäste in den Genuss eines wunderbaren Menus mit den dazu passenden Weinen kamen. Wir assen und tranken bis in den frühen Abend hinein und genossen die Tisch-und Weinkultur, wie wir sie von Europa her gewöhnt sind.
Denn man darf die Weingüter nicht mit denen Europas verwechseln, da gibt es keine Châteaus und Clos wie in Frankreich, es ist nicht wie in der Toscana oder wie am Douro in Portugal. Die Parzellen hier sind riesig, in den meisten Fällen ist es Massenproduktion, die Gebäude neu, schöne Fasslager oder alte Keller gibt es nur wenige, was aber nicht heissen will, dass der Wein schlecht ist. Ganz im Gegenteil, wir haben wunderbare Tropfen zu Preisen gefunden, für die man in Europa wenig Vergleichbares erhält. Und dank dem Fehlen der Reblaus können hier die alten europäischen Sorten, Tannat (v.a. Uruguay), Carmenère (v.a. Chile) und Malbec (v.a. Argentinien) sowie die Weissweinsorte Torrontes direkt gepflanzt werden, während diese Sorten bei uns in Europa nur auf die amerikanischen Rebstöcke gepfropft werden können, um die Reblaus zu überstehen.
Reblaus hin oder her, wir waren lausige Einkäufer und mussten am Schluss im Supermarkt einige Flaschen Wein kaufen, damit wir Andreas Geburtstag stilecht feiern konnten. Lustig war’s allemal.
 

Gauchofest mit Mapuche Traditionen

Februar 2015

In Caviahue, Argentinien, treffen wir Ramon, der uns gleich zu einem Gauchofest einlädt. Es findet die Fiesta del Telar statt, also das Fest der Weber.
Mapuche sind das indigene Volk dieser Region, die noch zu Patagonien gehört. Sie leben hauptsächlich von der Schaf-, Ziegen- und Pferdezucht. Im Gegensatz zu den Besitzern der grossen Estancias zäunen sie ihre Tiere nicht ein. Mapuche sind eigentlich Nomaden. Im Spätherbst ziehen sie mit ihren Tieren von den hochgelegenen Weiden in tiefer gelegene Gebiete.
An der Fiesta del Telar kamen Mapuche aus verschiedenen Regionen bis hin nach Chile zusammen.
Beim Einzug in die Festarena hoch zu Pferd wurden diverse Flaggen mitgebracht. Beim Hissen wurde jedes Mal die entsprechende Hymne gespielt, dabei sangen alle immer kräftig mit, was ich bei uns noch nie gehört habe. Hüte werden gezogen und die Hand auf’s Herz gelegt. Sogar die Pferde verhalten sich still und die Hunde legen sich dabei in deren Schatten.
Die meisten Reiter sind wunderbar traditionell angezogen und die Pferde wurden herausgeputzt. Sattelzeug und Lasso sind vom Feinsten, im breiten gewobenen Gurt steckt das Messer, die Bombachas, die weiten Gauchohosen in den Stiefeln aus feinem Leder oder wer keine Stiefel trägt, der trägt Stoffschuhe – die Alpargatas. Selbstverständlich darf die Kopfbedeckung nicht fehlen, ein Hut oder ein Beret gehören ebenso dazu sowie ein Halstuch. Es ist keine einheitliche Tracht, wie wir sie bei uns kennen, es sind Arbeitskleider und es hat zweckmässig zu sein. Frauen auf dem Pferd sind übrigens gleich angezogen wie die Männer.
Nach vielen Begrüssungs- und Festreden kann es dann endlich losgehen.
Zuerst kommen die Kinderwettkämpfe. Da herrscht zwischen Jungs und Mädchen Gleichberechtigung und dem Schafbock ist es egal wer ihn reitet, nur schnell abschütteln ist sein Motto um anschliessend zurück zur Herde zu traben.
Beim Pferderennen ist vor allem Schnelligkeit gefragt, aber ohne gutes Dressurreiten kommt man nicht weiter, denn es gilt, mit dem Pferd einmal um einen Pfahl herum zu reiten, da hat mancher Grosse seine Zeit liegen gelassen und der Kleine wurde Sieger, weil er die Disziplin mit dem Pfahl so gut beherrschte. Ein fachmännisches Publikum feuerte natürlich jeden Reiter an. Der stolze Sieger durfte dann mit einem neuen Hut davon galoppieren.
Als nächste Attraktion folgte das Rodeo. Stiefel wurden geschnürt und Sporen montiert, derweil die Pferde an einem Pfahl festgebunden wurden. Sie wurden nicht gesattelt, bekamen aber einen Bauchgurt mit einem einfachen Zaumzeug. Während die einen alles bocksteif über sich ergehen liessen, warfen sich andere zu Boden oder stiegen auf die Hinterbeine. Kaum sass ein Gaucho auf dem Pferderücken, liessen ihn die wilden Pferde nicht lange sitzen. Nicht wenige Reiter verliessen den Platz hinkend oder mit schmerzverzerrtem Gesicht. Wer es länger aushielt, wurde von zwei Begleitreitern vom Pferd gehievt, bevor das Pferd ihn abwerfen konnte. Dennoch hatte die Ambulanz einiges zu tun.
Derweil findet um die Arena ein Markt statt. Selbstverständlich ist hier das gesamte Zubehör für ein gut und schön gesatteltes und gehalftertes Pferd zu kaufen. An einem anderen Stand gibt es alles für den Reiter. Und weil so ein Fest hungrig und durstig macht, gibt es viele Markthütten mit Empanadas (mit Hackfleisch gefüllte und frittierte Teigtaschen) und Tortas fritas (frittierte Teigkringel), Choripan (südamerikanischer Hotdog mit viel Mayonnaise, Avocadocreme, Würstli ) und Mote con Huesillos (Getränk mit gegärten Weizenkörnern und getrockneten Pfirsichen), Glace, Bier und Softdrinks. Auch der Frucht-und Gemüsehändler ist vor Ort. Es gibt frischen Ziegen- und Schafkäse. Natürlich bieten die Frauen gestrickte Wollwaren und gewobene Decken und Taschen an. Es ist ja das Fest der Weber.
Der Tag klingt mit Musik und Tanz aus.

Vulkane und Araukarien begleiten uns

Februar 2015

Die Fahrt nordwärts ist mit hunderten von Vulkanen gespickt und wo es Vulkane hat, gibt es meistens auch warme Quellen. Hier in der touristisch sehr erschlossenen Region der chilenischen und argentinischen Seenregion haben wir die Qual der Wahl bezüglich Thermen.
Sehr speziell sind die Termas Geometricas. In die enge Schlucht sind Badebecken zwischen 32 und 41 Grad eingebettet, kalte Wasserfälle sorgen für die nötige Abkühlung und Abends wird alles mit Kerzen und Lichtbändern diskret beleuchtet. Eine einzigartige Stimmung tagsüber mit dem vielen Grün und nachts im Mondschein.
Im Nationalpark des Vulkans Villarica, der 4 Tage nach unserem Besuch ganz kräftig Asche gespuckt hat, bestaunen wir aber auch die riesigen, urzeitlichen Araukarienbäume, die man bei uns nur in Parkanlagen zu sehen bekommt. Wir wollen durch den Nationalpark nach Pucon fahren, aber die Rangerin meint, die Strasse sei muy muy muy malo und unbefahrbar. Wir wollen es trotzdem versuchen und meinen, wir könnten ja umkehren, wenn die Strasse wirklich unpassierbar sei. Sie rollt ihre Augen-wir werden sehen weshalb. Die ersten 4 km sind supertoll, die nächsten 7 km kann man nicht mal mehr als Schotterpiste bezeichnen, da gar kein Schotter vorhanden ist. Zeitweise ein erdiges, ausgewaschenes Bachbett mit 50cm tiefen Gräben, das von Stefan einiges an Fahrkönnen abverlangt. Die Strasse ist glücklicherweise so schmal, dass das Auto aber auch nicht kippen kann, wenn es mal in allzugrosser Schieflage ist, das Strassenbord ist so hoch, dass es seitlich stützt. Mehr auf 3 Rädern, denn auf 4 holpern wir vorwärts, an umkehren ist nicht zu denken. Nun wissen wir, weshalb die Parkwächterin die Augen gerollt hat. Ich überlege mir, was passiert, wenn etwas passiert. Retten und abschleppen liegt nicht drin, Trinkwasser ist für die nächsten Tage vorhanden, Essen auch, zur nächsten Rangerstation sind es 5 steile Kilometer, also alles im grünen Bereich. An einem möglichen Autorettungsszenarium mag ich gar nicht rumstudieren, denn dann hängt ein Baum über die Strasse, da Stefan das Steuer hält, ist es an mir, den Baum zu hieven, damit unser Solarpanel nicht in Brüche geht. Ich wünsche mich in die Thermen zurück. Für die 7km benötigen wir mehr als eine Stunde, aber wir kommen an und der Parkranger auf der anderen Seite wundert sich, schon wieder ein Landi. Später stellt sich heraus, dass auch Christoph und Frizzi diesen Höllenritt gewagt haben.
In Pucon zuerst ins Café, das haben wir uns verdient. Abends beobachten wir den Vulkan Villarica mit dem Fernglas wie er spuckt. Toll, wir wissen, die Alarmstufe ist mindestens auf orange, wenn nicht rot. Einige Tage später ist der Presse zu entnehmen, dass er tatsächlich ausbrach und etliche Menschen evakuiert werden mussten.

Vulkane begleiten uns auch in Argentinien. Den Lanin besteigen wir aber nicht, die Vorschriften sind uns einfach zu blöd und schöne Aussichten gibt es auch anderswo wie z.B. vom Batea Mahuida aus.

Die Vulkanlandschaft im Nationalpark Conguillio ist wieder ganz anders. Schwarze Lavafelder, schwarzsandige Asche mit silbrig glänzendem Pampagras, tiefgrüne Lagunen mit abgestorbenen Bäumen, die schneebedeckten Hügelketten der Sierra Nevada (eine Sierra Nevada von vielen), bis 1800 Jahre alte Araukarien, 50-60 Meter hohe Bäume mit einem Durchmesser von 2m. An den weiblichen Bäumen bilden sich die typischen Cabezas, die Köpfe, eigentlich riesige Zapfen, die von den Mapuche mit Lassos oder Schleudern heruntergeholt werden, oder die einfach herunterfallen und dann ihre Nüsslis freigeben. Diese werden in Wasser gekocht oder auf dem Feuer gebraten und sind das Essen der Armen, wie die Maroni im Tessin in früheren Zeiten.

Über den Paso Pino Hachado gelangen wir wieder nach Argentinien. Dort treffen wir in Caviahue, einem idyllischen Skiort am gleichnamigen See Ramon el Suizo. Er nimmt uns anderntags gleich mit zur „Fiesta del Telar“, einem Mapuchefest mit Gauchos, Rodeos und Spezialitäten der Mapuche-Indianer.
Der einzig aktive Vulkan Argentiniens, der Copahue räuchelt in den blauen Himmel hinein. Die Thermen in Copahue reizen uns aber nicht wirklich. Und so fahren wir bald wieder los durch uralte verwitterte Vulkanlandschaften. Wir erfreuen uns am Wasserfall Salto de Agrio der sich mit seinen vulkanischen Mineralienablagerungen ein zauberhaft farbiges Bachbett geschaffen hat und über Basaltsäulen in ein hufeisenförmiges Becken stürzt.

Nach 180km Schotterpiste mit Staub wie Puderzucker, nicht so süss aber so haftend, gelangen wir nach Chos Malal, einer Stadt im Niemandsland. Die Temperaturen sind im oberen 30 Grad Bereich und uns ist alles andere als kalt. Kinder planschen in einem Schwimmbad herum – wir gesellen uns dazu, herrlich diesem Staub zu entfliehen, wenigstens für 2 Stunden. Dann wieder nichts als goldene Grasbüschel im Wind. An der Brücke über den Rio Barrancas verlassen wir die Region Patagonien definitiv.

Nochmals etwa 40km feinster Asphalt, wir geniessen es. Und dann erst diese spektakulären Farben.
Irgendwo ist ein Gewitter niedergegangen, der Rio Grande (ein Rio Grande von vielen) ist vom Erdreich orange gefärbt, was zu einem weiteren interessanten Farbenspiel wird.

Auf der fast 170km langen Schotterpiste ab El Sosneado begegnen wir keiner Menschenseele, anfänglich gibt es noch einige Ölbohrpumpen, die Strassen sind entsprechend gut, dann werden sie rauh und wellblechig und sandig. Stefan lässt noch mehr Luft aus den Reifen, was das Fahren angenehmer macht. Es gibt keine Brücken mehr, die Bäche sind glücklicherweise ausgetrocknet. Die Landschaft bietet alles – Pampa, Canyons, von unaufgeregt bis spektakulär. Vor dem winzigen Dorf La Jaule führt die erste und einzige Brücke über den Rio Diamante. Nach der nächsten Kurve werden die Anden sichtbar.

Wir zuckeln weiter auf der Schotterpiste der Ruta 40 Richtung Mendoza-Maipu. Dort werden wir die Vulkane gegen Weinstöcke eintauschen und die Pampa gegen die Anden und werden den „Santalandy Club“ wieder treffen. Wir freuen uns auf die Zivilisation und liebe Freunde.

Von den Preisen beim Reisen

oder

Die Bewältigung der Tücken des Geldwechselns

22. Februar 2015

Bald sind wir ein halbes Jahr in Südamerika unterwegs und da fragt man sich vielleicht, wie es mit den Finanzen steht. Sowohl Argentinien als auch Chile sind keine Billig-Reiseländer, aber selbstverständlich immer noch einiges günstiger als Europa.

Bereits aus Buenos Aires haben wir über die Eigenheiten der argentinischen Währungs- und Finanzpolitik berichtet. Während der offizielle Wechselkurs zwischen 8.00 und 8.50 Argentinische Pesos für einen Schweizer Franken pendelt, ist der Kurs zum „Dollar Blue“, also zum Strassenkurs bei etwa 12.00 Argentinische Pesos für einen US-Dollar. Dieser halblegale Deal ist so offiziell, dass man sogar auf einer eigenen Webseite (preciodollarblue.com.ar) den aktuellen Kurs nachschauen kann. Und wenn wir 50% mehr Argentinische Pesos für gleich viele Schweizer Franken erhalten, wird das Leben natürlich gleich nochmals viel günstiger.

Nur, was machen wir nun, wenn uns nach einem halben Jahr die mitgenommenen Bargeldreserven an US-Dollars ausgehen? Auch hier gibt es eine, wenn auch etwas unkonventionelle, Lösung. Im Gegensatz zu Argentinien hat Chile eine recht stabile Währung ohne Schwarz- und Blaumarktkurse und weil wir ja öfters die Grenze überqueren, machen wir uns dies zunutze. Wir entlocken dem Bancomaten in Chile Chilenische Pesos und tauschen diese anschliessend in US-Dollar um. Mit diesen „neuen“ Dollars reisen wir nach Argentinien und tauschen sie dort zum Strassenkurs in Argentinische Pesos. Tönt etwas kompliziert, ist aber ziemlich rentabel wie die folgende Rechnung zeigt:

200‘000 Chilenische Pesos entsprechen ungefähr 310 Schweizer Franken. Diese haben wir zum Kurs von 635 in 315 US-Dollars umgetauscht und diese wiederum zum Kurs von 12 in Argentinische Pesos. Das ergibt 3780 Argentinische Pesos! Hätten wir am Bancomat in Argentinien für 310 Schweizer Franken Pesos bezogen, so hätten wir bloss etwa 2500 Argentinische Pesos erhalten. Also der Aufwand lohnt sich definitiv!

Das ist auch der Grund, dass wir wenn immer möglich keine Kreditkarten in Argentinien einsetzen, da uns zu Hause immer der offizielle Kurs verrechnet wird. Also sind wir wieder zum guten alten Bargeldhandel zurückgekehrt.

Zum Abschluss dieses kleinen Exkurses noch einige Preisbeispiele aus Argentinien (natürlich zum Dollar Blue Kurs) und Chile:

1 Liter Diesel                    in Argentinien Fr. -.80      in Chile Fr. 1.00

1 Liter Vollmilch                in Argentinien Fr. -.60      in Chile Fr. 1.10

1 Kilogramm Rindsfilet    in Argentinien Fr. 6.00     in Chile Fr. 8.00

1 Flasche guter Rotwein  in Argentinien Fr. 4.00     in Chile Fr. 6.00

Besteigung des Vulkanes Osorno

20. Februar 2015

Wo immer man in Chile reist begegnet man Vulkanen. Die Menschen leben hier mit ihnen, werden ab und zu von ihnen überrascht, was Auswirkungen auf Tourismus, Industrie und die momentane Lebensqualität hat und manchmal grenzübergreifend auch Argentiniens oder Uruguays Flugverkehr lahmlegt. Aber niemand lässt sich von den Vulkanen beherrschen. Was wir bis jetzt an Vulkanen gesehen haben spuckte auch nicht Lava, da waren keine grossen Lavaströme zu erkennen, sondern vor allem Asche, die als gröbere Bimssteine oder kleinere Kiesel oder eben als Feinstaub herabgeregnet wurden. Ganz eindrücklich der letzte Ausbruch des Vulkanes Puyehue der 2011 eruptierte. Ganze Seen wurden mit Bimssteinen, die sind sehr leicht und schwimmen, zugedeckt. Strassen, Wälder, Dörfer wurden mit der Bimssteinasche wie mit Schnee überzogen und mussten freigeschaufelt werden. Die Asche wurde kilometerweit getragen und hat alle Berge rundherum eingepudert. Der Regenwald veränderte sich teilweise in einen Skulpturenwald mit Sanddünen. Aber die Pflanzen sind stark, überall treibt junges Grün, Bambus und Johannisbeersträucher, Farne und einzelne Bäume schlagen aus.

Sicher wäre der Puyehue auch eine Besteigung wert gewesen, uns hat es aber der imposante Kegel und die schöne Form des Vulkanes Osorno angetan. Schon von weither sichtbar steht dieser perfekte Berg zwischen dem Lago Llanquihue und dem Lagos Todos Los Santos im Parque Nacional Vicente Perez Rosales. Er ist so vollkommen schön mit seiner Gletscherkappe, weil sich zu seinen Füssen etwa 40 Krater befinden, aus denen er sich jeweils entladen hat, so haben die Ausbrüche seiner Schönheit nichts anhaben können.

Im Conaf-Büro in Ensenada melden wir uns beim Parkranger und fragen nach dem Wetter. Er bestätigt uns für Freitag, 20.2.2015 wolkenlos und windstill. Perfekte Bedingungen für eine Besteigung. Wir haben unser gesamtes Bergsteigerequipment mitgebracht. Das ermöglicht uns eine Besteigung ohne Führung. Der Ranger meint, wir sollen uns noch bei seinem Kollegen auf dem Berg melden. Auf dem Berg meint: Wir fahren die asphaltierte Strasse hoch bis zur Talstation des Wintersportgebiets Osorno. Hier ähnlich wie bei uns, einfach völlig veraltet: Sesselliftanlagen, einzelne Wanderwege und natürlich Hotels und Restaurants. Der freundliche Parkranger spricht sogar Französisch und bestätigt die Wetterprognose für den Berg für den morgigen Tag. Wir richten unsere Rucksäcke und dürfen vor dem Bergbüro des Parkrangers übernachten, nachdem wir ein Formular mit unseren Ausrüstungsgegenständen, einer Notfalltelefonnummer in der Schweiz sowie mit unseren alpinen Leistungsausweisen ausgefüllt hatten. Den schönsten Berg schien das nicht zu kümmern, er versteckte sich in dichten Wolken. Erst beim Sonnenuntergang zeigt er sich in seiner vollen Schönheit, wir haben ihn ja schon einige Male vorher gesehen, aber nie von so ganz nah. Die Spalten, die perfekte Kappe, der rutschige Wanderweg in der groben Asche.

Tagwache um 5h15, Abmarsch eine Stunde später mit Stirnlampen. 2 Dreierseilschaften hörten wir schon um 5h abmarschieren, eine Zweierseilschaft wanderte am Abend vorher ab und biwakierte. Wir nahmen es gemütlich.

Anfänglich steil und über das Aschefeld ziemlich rutschig, ich fluche, weil ich wieder keine Stöcke gekauft habe, das wird mein letzter Vulkan ohne Wanderstöcke sein. Allmählich etwas gemütlicher auf dem normalen Wanderweg, kein Mensch wandert unten, weil da zu normaler Zeit eine Seilbahn hochfährt. Die Aussicht ins Tal perfekt, vor uns geht die Sonne auf, direkt hinter dem Osorno, der Lago Llanquihue glitzert, die anderen Seilschaften werden wir bald eingeholt haben. Wir sehen sie vor uns. Dann klingelt mein Telefon, oh Schreck ich habe hier Empfang. Oh Jubel, unser Sohn hat seine Abschlussprüfungen bestanden, das ist es wert und beschwingt wandern wir noch eine Stunde weiter, bis wir in den Klettergurt steigen, die Steigeisen montieren und uns anseilen. Mit dem Pickel in der Hand geht es nun gemütlich bergauf, bis zu der Stelle, wo es eine etwa 60m hohe Eiswand zu erklettern gilt. Die erste Zweierseilschaft arbeitet sich die Wand hoch, wir ziehen unsere Helme an, ja wir haben nur Velohelme, aber für alles haben auch wir keinen Platz im Auto gefunden. Die eine Seilschaft mit Bergführer geht los, wir gleich nebenan setzen auch zum Aufstieg an, die Wand ist breit genug. Stefan geht voraus, sichert mich und ich steige nach. Das Eis ist gut, nicht glasig wie anscheinend am Tag davor sondern schön griffig. Wir durchklettern die teils fast senkrechte Wand im Sauseschritt und es ist nur noch ein Spaziergang auf den 2652m hohen Gipfel des Osorno, weil wir die Höhe erreicht haben und der Gipfel flach und gross wie mehrere Fussballfelder ist. Die Sicht ist atemberaubend. Ein riesiges Nebelmeer unter uns.

Wir wissen, dass es eine Kaverne gibt, aber nicht genau wo. Der chilenische Bergführer, der mit der nächsten Seilschaft kommt, erklärt uns den Weg. Nach dem etwas frühen Zmittag, wir erreichten den Gipfel um 10h45, suchen wir also die begehbare Eishöhle. Eine unscheinbare Spalte, recht klein, 2m tief, man könnte also nicht mal wirklich reinfallen. Wir klettern hinunter und vor uns tut sich der Eingang zum Palast der Schneekönigin auf. Uns verschlägt es die Sprache. Eis in allen Blau- und Weiss- und Grautönen, filigrane Eiszapfen, ein See aus Eis. Formen wie vom Glasbläser. Zauberhaft und wunderbar. Dass wir das Sehen dürfen, dieses Erlebnis werden wir nicht so schnell vergessen.

Anschliessend machen wir uns an den Abstieg. Da bin ich nicht so ein Hirsch, aber wir haben keine Eile. Stefan sichert mich wieder und die 60m sind auch geschafft. Mehr Respekt habe ich mit meinen Knien vor dem losen Aschegeröll. Aber auch das meistern wir und sind um 14h45 wieder beim Auto. 1500 Höhenmeter haben wir geschafft, wir sind von diesem Erlebnis immer noch voller Adrenalin. Wir werden vom Parkranger empfangen, er habe uns mit dem Fernglas nachgeschaut, wir wären ja sehr fit, bestätigt er uns, so schnell unterwegs und wir sähen gar nicht müde aus. Wir nehmen das Kompliment gern entgegen. Das kalte Citro schmeckt auch ohne Bier herrlich erfrischend.

Wir hängen unsere nasse und staubige Ausrüstung am Geländer auf und verstauen danach alles wieder ins Auto. Jedes Ding hat seinen Ort, wir verabschieden uns und fahren zurück an den Lago Llanquihue, wo wir im See ein erfrischendes Bad nehmen.

Zu den klimatischen Bedingungen ist zu sagen, dass wir absolutes Glück hatten. Die Wettervorhersage wies 5 aufeinanderfolgende Tage mit bestem Bergwetter auf, aber wer in den Bergen unterwegs ist weiss, dass das Wetter innerhalb von Minuten ändern kann. Die beiden chilenischen Bergführer meinten, normalerweise könne man grad mal 5 Minuten auf dem Gipfel sitzen und viele Touren müssten wegen zu starkem Wind im Gipfelgebiet abgebrochen werden. Wir sassen sicher 30 Minuten auf dem Gipfel, konnten die Kaverne besuchen und langsam absteigen ohne dass wir uns ums Wetter hätten kümmern müssen.

Für alle, die den Osorno auch mal erklettern wollen, aber nicht ganz führungslos:

Sehr sympathisch: Mountain Guides in Southern Chile www.huellandina.com.

Besuch der Pazifikinsel Chiloe

16. Februar 2015

Im Spanischunterricht habe ich mal mitbekommen, dass es in Puerto Montt und auf der vorgelagerten Insel Chiloe praktisch nur regnet. Wir haben es anders erlebt, zum Glück, denn Regen im Pazifik bedeutet auch KALT. Es war zwar regnerisch an unseren ersten beiden Tagen, aber am ersten Tag hat’s nicht gestört weil wir ohnehin den ganzen Tag auf der Fähre verbrachten. Unsere Fähre lief pünktlich nach chilenischer oder südamerikanischer Sicht aus. Wir mussten um 9h morgens am Embarcadero sein, also am Pier. Als Schweizer waren wir natürlich pünktlich da. Das Schiff war am Einlaufen, perfekt. Gegen 9h30 sichteten wir jemanden von der administrativen Seite an Land. Zuerst wurden unsere Autoräder desinfiziert und dann ging nichts mehr. Gegen 10h45 (11h offizielle Abfahrtszeit des Schiffes), Kontrolle des Tickets und dann durften wir auf die Fähre verladen. Abfahrt um 12h. Hier hat niemand Stress und niemand holt sich vom Arbeiten einen Herzinfarkt. Alles geht immer schön mit der Ruhe.

Unsere Fährpassage von Chaiten nach Quellon dauerte 4h30 und verlief völlig ruhig. Chiloe ist 9322km2 gross, das heisst ca. 180km lang und 50km breit. Dazu gehören noch mehrere Dutzend kleinere Inseln. Jährlich werden ca. 2200-3000mm Niederschlag gemessen. Wir genossen diesen Niederschlag glücklicherweise nur auf der Überfahrt und eben noch am zweiten Tag, marschierten aber trotzdem durch den kalten Regenwald im Nationalpark Chiloe. Was uns aber nicht besonders toll dünkte, haben wir doch auf dem Festland schon Regenwald zur Genüge gehabt.

Was uns dann mehr erstaunte, war die dichte Besiedlung und die kleinräumigen Strukturen. Wir fühlten uns an daheim erinnert. Chiloe ist auch sehr hügelig, Berge hat es keine, dafür spezielle Holzkirchen, von denen viele auf der Unesco Weltkulturerbe Liste stehen.

Bei schönstem Wetter besuchten wir in Chonchi die erste Kirche mit ihrer blauen Sternlidecke.

Castro mit seinen farbigen Palafittos, den Häusern auf Stelzen, weil für viele arme Fischer das Geld nicht reichte am Festland ein Haus zu bauen, bauten sie ihre Häuser am Ufer und wegen der Gezeiten auf Stelzen, hat seinen eigenen Charme. Heute sind diese Palafitto natürlich das Aushängeschild und haben mit Armut nichts mehr zu tun. Castros Kirche ist riesig und farbig und weil die Stadt grad heute ihren Geburtstag feiert, findet auch gleich ein Gottesdienst mit Musik und Gesang und Geklatsche statt. Echt südamerikanisch halt. Dann gibt’s Feuerwehr, Polizei und der Navy Paraden und das ist für uns der Grund, uns in ein Café zu verziehen.

Chiloe und ganz Südchile lebt von der Lachszucht. So hat es auch überall Fischmärkte, die wahrscheinlich die zweite Qualität des Lachses verkaufen, die beste Qualität wird nach Brasilien, USA und Japan exportiert. Wir drücken beide Augen zu und kaufen ein halbes Kilo Lachs zum Znacht. Für grade mal 4 Franken, Antibiotika inklusive. Was uns sicherlich Hals- und Ohrenweh für eine Zeitlang fernhält. Nicht dass wir das je hätten, aber wer weiss, wogegen wir sonst noch immun werden. 50‘000 Fische befinden sich in einem Bottich im Meer draussen, eine Farm hat gut und gerne 20 dieser Bottiche. Während zwei Jahren werden die Fische von anfänglich 100g auf 2kg hochgemästet bis sie schlachtreif sind. Da kann man keinen Fisch gebrauchen, der mal kurz niest.

Dalcahue ist ebenfalls hübsch mit vielen bunten, geschindelten Häusern, die Kirche wird grad renoviert, also schlendern wir durch’s lebendige Dörfli, wo auch wieder Fest ist und geniessen die Sonne und das Nichtstun. Hier nehmen wir die 5 Minutenfähre zur Insel Quinchao. Als wir in Curaco de Velez ankommen, herrscht hier auch schon wieder Feststimmung. Hier versammeln sich aber nicht nur Festlustige, sondern auch Zugvögel von ihrer Reise von Nord- nach Süd resp. umgekehrt. Einige legen 16‘000km zurück, bis sie hier sind um zu überwintern. Wir finden einen hübschen Übernachtungsplatz am Strand und braten unseren Lachs, der uns gut schmeckt, in Ergänzung mit den herzigen länglichen violetten chilotischen Kartoffeln und ein wenig chilotischem Knoblauch ein perfektes Essen. Knoblauch scheint in Chiloe gut zu wachsen. Man kauft hier keine Knollen nur Zehen, denn eine Zehe ist so gross wie bei uns eine ganze Knolle. Dafür sind die Kartoffeln klein.

In Chullec am Strand legen Frauen am Morgen Tang aus. Sie erklären mir, dass das Algen seine, die in der Schönheitsindustrie in Cremen, Shampoos und Seifen Verwendung finden. Die Frauen haben aber nicht ausgesehen, als würden sie sich diese Kosmetik kaufen können.

In Achao am äussersten Zipfel Quinchaos wieder eine Unesco Kirche. Aber spannender waren der Markt am Meer und der Einkauf im Unimarc (Coop/Migros). Da kamen wir grad zu einer Zeit, als viele Chiloten umliegender Inseln per Boot ihre Einkäufe tätigten. Ganze Wägeliladungen voller Lebensmittel wurden an der Kasse in grosse Kartonschachteln verpackt, verschnürt, mit dem Namen des Bootes vermerkt und dann in den Hafen geliefert, wo die Eigentümer alles auf ihre Boote luden.

Wir mit unseren 2 Milchpackungen, 1 Päckli Kaffee und einem Bidon Wasser waren grad Waisenkinder dagegen.

Eine weitere schöne Holzkirche gibts in Quinchao. Den Geiern gefiel es hier ebenfalls, sie fanden einen angeschwemmten toten Pinguin am Strand, der ihren Speiseplan aufmöbelte.

Am nächsten Strand an der Playa Traiguen holen Kinder einer Fischerhütte mit Bidons und Leiterwagen Wasser beim Wasserfall. Uns gefällt es hier ebenfalls und wir beschliessen hier zu bleiben. Wir sehen bis auf’s Festland: Die Vulkane Michinmahuida, Chaiten und Corcovado erheben sich majestätisch.

Anderntags in Lliuco, wieder auf der Hauptinsel, hatten wir den perfekten Übernachtungsplatz mit Delfinshow und Pelikanen und einem perfekten Sonnenuntergang. Am Morgen grasten dann die Schafe auf dem Friedhof und als sie vertrieben wurden, grasten sie halt vor der Kirche.

Chiloe ist bekannt für seine schönen Holzboote. Diese Tradition wird in San Juan immer noch weitergeführt und wir können diese imposanten Skelette bewundern. Viele Chiloten mussten sich aus Armut in früherer Zeit auf den grossen Schafestanzien im Süden Patagoniens verdingen. Viele auch in der Fischindustrie auf Wal- und Robbenfangschiffen, andere wurden für den Schiffbau von deutschen Auswanderern angestellt.

Überall an den Strassenrändern blühen die orangefarbenen Monbrezien und die grossen weissen Blüten der Ulmen (Eucryphia cordifolia) leuchten aus dem dicken grünen Laub hervor. Zu guter Letzt kommen wir in Ancud an. Auch hier Feststimmung, es ist die zweitletzte Ferienwoche. Es findet eine Flugshow statt und die Piloten in ihren Propellermaschinen holen die Emotionen aus dem Publikum heraus: mira mira, que lindo, impresionante, mira un corazon, mira una estrella. Und wirklich zaubern die Piloten Herzen und Sterne an den Himmel. Ich weiss nicht, was mich mehr fasziniert, das Schauspiel in der Luft oder die fröhlichen Menschen.

Wir haben unsere Fahrt von Süd nach Nord auf der Insel Chiloe abgeschlossen und nehmen nun wieder die Fähre von Chacao nach Pargua auf dem Festland und reisen nach Puerto Montt.

Carretera Austral – oder ein strassenbautechnisches Wunderwerk mit Ausblicken

7. Februar 2015

Die Fahrt durch die Pampa kann durchaus auch ihre Reize haben. Nandus und Guanakos führen ihre Jungtiere spazieren, ein minzegrüner Fluss mäandriert durch Hügel, die in allen Brauntönen schillern, wo Wasser ist, hat es sattgrüne Bäume oder Sträucher, es geht auf und ab. In Gobernador Gregores, einem kleinen Strassendorf ist eine Chilbi aufgestellt und ab irgendwann war sogar die Strasse asphaltiert.

In Los Antiguos sind die Kirschen reif, wir schlagen uns den Bauch voll, mitnehmen nach Chile dürfen wir keine. Aber wir sind inzwischen Profis und schaffen den Grenzübertritt von Antiguos nach Chile Chico spielend. Der Zöllner ist von unserer Dusche und dem WC angetan und vergisst, dass er unsere Lebensmittel hätte kontrollieren sollen. So kommt unser argentinischer Honig wieder einmal mehr über die Grenze. Aber irgendwann werden wir in Chile Honig kaufen und nachdem dieses Glas leer ist, jeweils den Argentinischen darin abfüllen.

Ab Chile Chico ist die Strasse Schotterpiste. In Chile Chico befindet sich das Reserva Nacional Lago Jeinimeni. Das dortige Valle Lunar wird im Reiseführer gross als kleine Ausgabe des Valle de la Luna bei San Pedro in der Atacama Wüste beschrieben. Wir waren noch nicht dort, aber die kleine Ausgabe war auf jeden Fall schon sehr spektakulär. Verwitterte Felsformationen in allen Pastellfarben, Fabelwesen, Steinsäulen. Wind und Wasser waren als perfekte Bildhauer und Maler in Aktion. Der Lago Jeinimeni dann als tiefblauer Edelstein inmitten von Bergen. Der Parkranger erlaubt uns, mit unserer Randulina ausserhalb des offiziellen Campings direkt am See zu übernachten. So geniessen wir also unseren Privatstrand – Baden verboten! Aber es wäre sowieso zu kalt. Anderntags entdecken wir für uns auf einer Wanderung die Laguna Esmeralda und den Lago Verde. Müssen dabei aber einige Male reissende Bäche durchqueren. Glücklicherweise ist Stefan standhaft, er hat den Rucksack mit dem Fotoapparat, mich spült es grad weg und so überquere ich die meisten Bäche halb schwimmend, halb kriechend. (Und ja, wir haben uns vorher ausgezogen und nein, davon gibt es keine Fotos!)

Von Chile Chico zuckeln wir nun auf der Schotterpiste dem Lago Carrera, oder arg. Lago Buenos Aires entlang. Er ist nach dem Titicacasee Südamerikas zweitgrösstes Binnengewässer. Im Hintergrund glitzern die Gletscher des Campo Hielo Norte oder des Campo San Valentin, die Inseln im See erinnern an schlafende Dinosaurier, am Wegrand blühen Hagebutten und Fuchsien. Ab Cruce el Maiten befahren wir die „Carretera Longitudinal Austral Presidente Pinochet“ kurz Carretera Austral oder Ruta 7 genannt. Diktator Pinochet gab den Auftrag, der argentinischen Grenze entlang in Chile eine Nord-Süd Verbindung zu bauen. Und so wurde also eine schlangenartige Strasse in den Urwald hineingehauen. Heute teilweise asphaltiert aber das Meiste noch als staubige Schotterpiste. Wir begegnen vielen Velofahrern, die oftmals mit Mund- und Nasenschutz auf dieser Staubstrasse nach Süden radeln. Man könnte seine Nase auch direkt in einen Mehlsack stecken und tief einatmen, nur die Aussicht wäre nicht so perfekt. Unser Auto sieht auch dementsprechend aus. Innen und aussen – überall feinster Staubpuder.

Eigentlich könnte man den Fotoapparat auf Autopilot stellen. Die Strecke ist so schön und abwechslungsreich und die Natur wirklich spektakulär. Kurz vor Puerto Tranquilo, einem winzigen Dorf, das nur aus Minimercados, einer Copec Tankstelle (wo wir endlich das Atlaswerk Chiletur 2015 kaufen können), Cafés und Touranbietern zu bestehen scheint, besuchen wir die Catedrales de Marmol. Hier lassen wir die Bilder sprechen.

Die Fahrt ins Valle Exploradores war ein MUSS. Auf ca. 70km durchfährt man eine Landschaft bestehend aus Seen, gewaltigen Auen mit türkisblauen Flüssen, tosende Wasserfälle, Gletscher und die Vegetation des kalten Regenwaldes: Fuchsien, Lianen, Riesenfarne, Bambus, alle Arten der Südbuche mit ihren winzigen Blättern, Riesennalcas, eine Art Rhabarber mit Durchmessern von mehr als 1m und halbmeterhohen Blütenständen. Um den Urwald zu durchwandern, müsste man eine Machete mitbringen, es gibt sonst kein Durchkommen. Je weiter wir in diese Landschaft hineinfahren, je mehr verdichtet sich der Dschungel, es beginnt zu regnen und wird merklich kühler. Eine oder zwei Brücken fehlen noch um den Rio Exploradores zu überqueren. Die Lagune San Rafael mit ihrem imposanten Gletscher muss noch per Boot angefahren werden. Aber immerhin gibt es mitten im Nirwana eine Flugpiste.

Auf der Carretera Austral gibt es auch Streckenabschnitte die auf über 1000müM hinauf führen. Die Landschaft ändert sich drastisch. Basalttürme, pastellfarbene Geröllhalden, abgestorbene Bäume wie Mahnmale, hier ist alles vulkanischen Ursprungs. Teilweise noch ganz frisch. 1991 spuckte der Hudson seine Asche aus. Dann wieder kleinräumige Landschaft mit Viehzucht und es wird gheuet und siliert. Und zur Abwechslung mal wieder Asphalt. In Coihaique plündern wir die Fruteria.

Speziell war die Wanderung durch den kalten Regenwald im Nationalpark Queulat. Durch den Märchenwald geht’s steil hinauf zu einem Ventisquero, einem Hängegletscher, der sich in zwei prächtigen Wasserfällen ergiesst. Immer wieder brechen Eisblöcke ab, ein faszinierendes Schauspiel, wenn sich der Wasserfall verbreitert und es donnert und kracht.

Rüttelnd und schüttelnd geht es holpernd und staubig auf der Carretera Austral nach Chaiten. Auch hier hat ein Vulkan 2008 gewirkt. Das Städtchen an der Pazifikküste wurde völlig unerwartet von einem Vulkanausbruch heimgesucht. Aschewolken überzogen die Gegend die Menschen wurden evakuiert aber sie kamen zurück und sind immer noch am Wiederaufbau ihrer Heimat beschäftigt. Sie kommen mir vor wie der Urwald, das Abgestorbene dient als Basis für neues Leben. Natürlich besteigen wir den Vulkan Chaiten, eine strenge Angelegenheit für kurze Beine da der Weg steil ist und hohe Stufen aufweist. Oben dann nur noch rutschige Asche, aber was für ein Ausblick auch im doppelten Sinn des Wortes.

Denn wir treffen in Chaiten an der Caleta Santa Barbara nicht nur herzige Seelöwen und Delfine sondern auch unsere lieben Freunde Frizzi, Christoph, Julia und Andreas. Das gibt lange Abende mit Erzählen und gemeinsamem Kochen…und einem nächsten Treffpunkt: Mendoza inklusive Winetasting. Oh, wir freuen uns darauf. Doch vorher spazieren wir noch durch einen Alercenwald. Die Alerce (Fitzroya cupressoides) ist eine Zedernart, aus der traditionell Schindeln gemacht wurden. Das Holz ist praktisch wasserdicht und witterungsbeständig. Nur wurde Raubbau betrieben und die Alercen fast alle abgeholzt und mussten daher unter strengen Schutz gestellt werden. Die Bäume erreichen Höhen von bis zu 70m und Durchmesser von bis zu 4m. Sie können mehrere Tausend Jahre alt werden.

Nun verlassen wir das Festland und schippern zur Insel Chiloe.

Wanderungen mit perfekten Endzielen

2. Februar 2015

Nach unserer Antarktis-Cruise blieben wir noch eine ganze Weile auf Feuerland und in Südpatagonien. Wir hatten immer herrliches Wetter und die Landschaft faszinierte uns sehr. Als erstes trafen wir uns nochmals mit Inge und Werner zum Abendessen in Ushuaia. Es war ja nicht so, dass wir auf dem Schiff nicht gut abgefüttert worden wären, aber ganz so abrupt wollten wir dann auch nicht mit Schlemmen aufhören. Also ab gings in ein uriges Restaurant am Pier und bei feinem Lachs mit „Kürbisstunggis“ frischten wir unsere Antarktiseindrücke auf und erzählten uns, wo es nun lang geht. Inge und Werner fahren nach Uruguay und anschliessend nach Guatemala, wo ihr Boot steht. Wir wollen auf Feuerland wandern und dann in die grossen Nationalparks weiter nördlich wechseln.

Als erstes bestiegen wir den Cerro Guanako im Nationalpark „Tierra del Fuego“. Eigentlich keine grosse Sache, wären da nicht die vielen Moore. Dank gutem Schuhwerk und einigen Balanceübungen wurden alle Hindernisse überwunden und nachdem wir die grosse Schutthalde unterm Gipfel durchquert hatten, wurden wir mit einer imposanten Aussicht auf Ushuaia, den Beagle Kanal und dem Ende der Welt belohnt. Nach fünfeinhalbstündiger Wanderung konnten wir müde aber zufrieden, winddicht eingepackt sogar noch im Freien sitzen und den Apéro geniessen. Anderntags schlossen wir uns der Warteschlange an, die am letzten Postbüro der Welt den Pass gestempelt haben will und schickten an uns selbst eine Postkarte von da. Das tun wir ab und zu von vielen schönen Orten der Welt. Wenn wir dann wieder zu Hause sind, haben wir eine lustige Sammlung.

Dann gings Richtung Norden. Das südliche Lands’End ist uns zwar schon richtig ans Herz gewachsen, aber immer wollen auch wir nicht da bleiben. Der Ruta 3 folgend, gab’s nach ca. 100km schon den ersten Halt. Die Panaderia La Union in Tolhuin kann man wirklich nicht auslassen. Die Süssgebäcke in dieser grossen Konditorei sind einfach sagenhaft und das wifi funktioniert auch schnell und tadellos.

Die Weiterfahrt ist windig – halt richtig patagonisch und geschützte Plätze zum Übernachten sind rar. Also stellen wir uns in der Gegend vor Rio Grande ans Meer und kaum haben wir uns hingestellt, kurvt ein zweites Auto zu uns hin. Tatsächlich, zwei Appenzeller auf dem Weg in den Süden. Sogleich öffnen wir eine Flasche Wein und in geselliger Runde werden Reiseerfahrungen ausgetauscht. Zwei Autos übernachten nun also im Wind am Atlantik. Für uns das letzte Mal für lange Zeit, wir fahren nach Nordwesten Richtung Pazifik durch die Pampa und dann mal wieder nach Chile.

Hier blühen Margeriten und Lupinen um die Wette und wir haben schon 17 Grad. Juhui, der Sommer kommt. In Ushuaia hat’s doch eben noch vorgestern geschneit.

In Puerto Natales decken wir uns für die bevorstehenden Tage mit Lebensmitteln ein. Trockenfrüchte, Müeslistängel, Fertiggerichte – genau, wir wollen WANDERN aber richtig. Im Torres del Paine – zu allen Cerros und Torres und Cuernos – alles wollen wir sehen und bewegen wollen wir uns auch. Auf dem Campingplatz im Torres del Paine erschlägt uns die Hitze, wir haben mittlerweile 25 Grad, wir sind völlig kaputt und sitzen nur da und überlegen uns, wie wir die Wanderungen einteilen wollen. Es gibt da nämlich das O und das W, das man wandern kann – wir sind optimistisch, wir kombinieren beides in ¾ der angegebenen Zeit – schliesslich sind wir fit und zwäg und das Wetter perfekt.

Am andern Morgen sind die Rucksäcke mit Zelt, Mättelis und Schlafsäcken und dem ersten Teil der Verpflegung gepackt und wir wandern bei schönstem Wetter steil bergauf zum Campamento Torres, wo wir das Zelt aufstellen und die Rucksäcke deponieren. Mit leichtem Schritt geht’s nochmals 45 Minuten bergauf und da sind sie dann: die TORRES DEL PAINE in voller Grösse und wolkenlos im stahlblauen Himmel – praktisch eine Sicht der Unmöglichkeit, denn im Normalfall sind sie in den Wolken versteckt. Der Lago Torres glitzert und wir geniessen diese mystischen Berge den ganzen Nachmittag. Irgendwann folgt der steile Abstieg zum Camp und wir reissen den Altersdurchschnitt ziemlich in die Höhe – könnten wir doch die Eltern all jener sein, die hier das Zelt aufgeschlagen haben. Aber wir sind ja erfahrene Zeltler und haben auch das Kochen nicht verlernt… mit Fertiggerichten auch keine ernstzunehmende Sache.

Anderntags wollen wir uns den Sonnenaufgang nicht entgehen lassen und nach einer schier schlaflosen Nacht (das Bett im Landi ist um einiges bequemer) sind wir froh, um 4h morgens auf Wanderschaft gehen zu dürfen. Die vielen Lichtpunkte der Taschen- und Stirnlampen der Wanderer vor und hinter uns ergeben einen langen Tatzelwurm, der nach oben kriecht. Der Lago Torres ist spiegelblank, es ist eiskalt und der erste Turm kommt langsam in die Sonne und dann der zweite und kurz bevor ich glaubte erfrieren zu müssen, wird auch der dritte Turm angestrahlt. Zurück im Camp wir das Zelt abgebaut und dann ein warmer Tee gebraut. Ein leichtes Zmorge und im Galopp sind wir wieder Richtung Tal unterwegs. Dort packen wir um, denn die erste Etappe ist geschafft, nun geht’s an die Weiteren. Also packen wir für 5 Tage Verpflegung ein, noch ein T-Shirt mehr und für alle Fälle noch etwas Warmes. Und los geht’s um 12h30 – 17km über Stock und Stein dem Lago Nordenskjöld entlang, über Wiesen und durch schattige Wälder, aber nicht wie bei uns bergauf und dann ist man oben, nein immer wieder mal 200 m hinauf und dann 150m hinunter und dann wieder hinauf und wieder hinunter…Um 18h30 erreichen wir das Campamento Italiano. Im eiskalten Fluss kühlen wir unsere Füsse, die Rucksäcke wiegen schwer. Anderntags wandern wir ins Valle Frances, vom grossen Gletscher brachen mit grossem Krachen immer wieder riesige Eismassen ab und stürzen ins Tal wie ein Wasserfall. Beim Aussichtspunkt Britanico sitzen wir auf einem Felsblock und bewundern die Cerros Castillos und Cathedral und viele weitere Zacken und Spitzen im blauen Himmel. Die nächste Etappe wird gleich angehängt nachdem wir im Campamento unsere Sachen wieder zusammengepackt hatten, wandern wir bei 27 Grad weiter zum Campamento Paine Grande. Wir sind nicht mehr 20 und spüren unseren Körper. Die schweren Rucksäcke, die Hitze und auch die langen Etappen hinterlassen Spuren. Das Campamento Paine Grande ist eine riesige Zeltstadt am Lago Pehoé. Hier kommen auch Schiffe mit weiteren Wanderlustigen an. Die Aussicht auf die Cuernos del Paine ist spektakulär, aber die Aussicht auf ein kühles Bier ebenfalls. Zum Glück kann man hier beides miteinander geniessen, denn vor Ort befindet sich auch ein Restaurant. Und wen treffen wir denn noch an? Richtig, Nick und Jodie aus Australien, die mit uns auf der Antarktistour waren. Wie ist doch die Welt klein. Sie kommen gerade vom Grey Glacier, diese Wanderung haben wir für morgen auf dem Programm. Das ist eine leichte Wandertour, denn wir können wiederum alles stehen lassen und nur mit einem Tagesrucksack losziehen. So, nun haben wir die W-Route gelaufen, alles bei traumhaftem Wetter. Wir brechen unser Zelt ab und nehmen das Schiff zurück. Zwei klapprige Busse bringen uns zurück zum Anfangspunkt, wo wir müde aber glücklich und etwas stolz zu unserer Randulina zurückkehren.

Hier lernen wir Pablo und seine Familie aus Puerto Natales kennen, der ebenfalls einen Defender fährt und uns gleich viele gute Tipps gibt, wo wir einen Service machen können. Denn unser Landi quietscht und zwitschert mittlerweile ziemlich. Mit seiner Drohne macht er auch gleich eine Foto vom schönen Campingplatz mit unserem Auto drauf.

An der Laguna Azul erleben wir gegen 6 Uhr einen wunderbaren Sonnenaufgang mit den rot angeleuchteten Torres – es hat sich gelohnt, den Wecker zu stellen.

Das perfekte Wetter nutzend, machten wir uns dann auf die Reise nach El Chaltén via El Calafate. Hier versuchen wir dem Zwitschern unseres Autos auf die Spur zu kommen, doch in 3 Garagen wo Oel kontrolliert und unseren Rädern der Sand ausgeblasen wird heisst es, das ist typisch Landrover. Also geht’s weiterhin pfeifend und zwitschernd durch die Pampa nach El Chaltén, wo wir unbedingt Fitzroy und Cerro Torre sehen wollen. Wir entschieden uns für zwei Tageswanderungen zu eben diesen faszinierenden Türmen. Da sitzt man dann staunend davor und kommt sich so klein vor. Viele sind unterwegs, bei diesem Wetter und der Kulisse kann man ja nicht auf dem Stühlchen sitzen. Das tun wir dann im Biergarten nach dem Wandern und geniessen noch eine Pizza. Abends, auf einem kleinen Bummel durch El Chaltén, das eigentlich nur aus Unterkünften und diversen Verpflegungsmöglichkeiten besteht, treffen wir auf Stan und Alaida, die auch mit uns in der Antarktis waren. Sie kamen zu uns auf einen Kaffee und wir staunen immer wieder, wie gemütlich unser kleines Auto auch für vier Personen sein kann.

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